NINA E. SCHÖNEFELD: Eine Frage der Wahrheit

Nina E. Schönefeld schafft mit Ihrer Kunst etwas, das in einer Welt zunehmender Dominanz des Kapitals, eines Wiederaufflammens autokratischer Regime und einer zunehmenden Flut irrelevanter Informationen verloren geht: Sie lenkt den Blick auf das Wesentliche. Ihre Filme und Installationen wirken wie ein Filter, der den eigenen Blick schärft. Das macht ihre Kunst so relevant, besonders über die Kunstwelt hinaus.

Ihre Heldinnen sind Aktivistinnen, die in den Kampf ziehen für eine gerechte und nachhaltige Welt. Sie kämpfen für einen Wertewandel, dessen Notwendigkeit immer dringlicher wird. Aus ihren oft düsteren, mystisch-dystopischen Szenarien dringt dennoch ein Lichtstrahl zum Betrachter, ein Funken Hoffnung.

Nina E. Schönefeld

Du arbeitest als multimediale Künstlerin. Was heißt das eigentlich konkret?

Ich arbeite als multimediale oder interdisziplinäre Videokünstlerin.

Die Zukunftsszenarien in meinen Arbeiten sind eng mit aktuellen politischen, ökologischen und sozialen Fragen der Welt verknüpft.

In Videoprojekten wie #freejulianassange #freedomofpress #femaleheroes, #hackerontherun, #trilogyoftomorrow, #contamination, #leftwingprepper, #pandemics, #conspiracy & #enemywithin erzähle ich Geschichten u.a. von politischen Hacker*innen, Investigativjournalist*innen & Umweltaktivist*innen.

Mein Schwerpunkt liegt hierbei auf radikalen Veränderungen und extremen Phänomenen wie z.B. Systemwechseln hin zu Autokratien, Flucht & Verfolgung politischer Aktivisten, Überlebenstechniken, Hacking & Whistleblowing, Umweltkatastrophen, radikalen digitalen Erfindungen, Verschwörungstheorien und Pandemiekrisen.

Mein starkes Interesse an visionären künstlerischen Neuentwicklungen hat zu interdisziplinären Videoinstallationen geführt.

Nina E. Schönefeld in Ihrem Studio in Berlin, photo courtesy Oliver Jackel

Es gibt hier eine gewisse Paradoxie bei meinen Objekten, die aber gewollt ist.

Meine Skulpturen und Interieure kombinieren z.T. unkonventionelle Materialien wie Tierfell, Fetischketten, Glühbirnen, schwarze Minifliesen, Vasen bzw. Gefäße, asiatische Keramikgolddrachen, luxuriöse Stoffe, Möbelteile, kleine Computerbildschirme und technische Vintage-Geräte. Schwarze Bildobjekte mit integrierten Leuchtstoffröhren dicht an dicht ergeben eine sich selbst potenzierende Wand aus Schatten und Licht. Goldglitzernde Skulpturen werden altarartig aufgebahrt und durch abgedunkeltes goldenes Licht beleuchtet.    Die Bildobjekte und Skulpturen sind kultische Objekte, die ikonengleich hoch an der Wand, auf Sockeln und in beleuchteten Glasvitrinen ruhen.

Hier gibt es eindeutig Referenzen zu Kazimir Malevichs „Schwarzem Quadrat“, das ich als Ikone des Endes der Malerei sehr verehre.

Es gibt hier eine gewisse Paradoxie bei meinen Objekten, die aber gewollt ist: Sie strahlen auf der einen Seite Kostbarkeit, Besitzenwollen & Einzigartigkeit aus und auf der anderen Seite hat man Assoziationen mit dem Schwarzen Loch, Untergang und Tod (der Malerei). Aus dem Tod erwächst ein Neubeginn, man vergegenwärtigt sich aber auch das Alte,

wo Schatten ist, gibt es auch Licht.

Dein Werk beschäftigt sich mit gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Was sind Deiner Meinung nach die drei großen Fragen dieser neuen Dekade?

Eine wichtige Fragestellung für mich, in diesem Zusammenhang, ist die zunehmende Umweltverschmutzung & Monopolisierung durch Großkonzerne. Es geht heute weiterhin um Gewinnmaximierung und Wachstum, auch auf die Gefahr hin, dass die Umwelt komplett zerstört wird.

Mein Videoprojekt Trilogy Of Tomorrow (D A R K W A T E R S (2018), S N O W F O X (2018) und L. E. O. P. A. R. T. (2019)) ist genau mit diesen aktuellen politischen und ökologischen Weltfragen verbunden. Die Trilogy Of Tomorrow erzählt Geschichten von Umweltaktivist*innen, die für politischen Wandel, Redefreiheit und Naturschutz kämpfen. Diese Aktivist*innen widersetzen sich der Überwachung durch autoritäre Regime und Startup-Unternehmen mit Monopolstellung. Es geht hier um die Systemfrage.

Gibt es in der nahen Zukunft keinen drastischen Systemwechsel, ist ein solches Szenario nicht mehr ganz unwahrscheinlich.  

Nina E. Schönefeld, TRILOGY OF TOMORROW, 2019, Show Me Your Selfie @Aram Art Museum, Korea, Photo courtesy of Aram Art Museum
Nina E. Schönefeld, TRILOGY OF TOMORROW, 2019, Show Me Your Selfie @Aram Art Museum, Korea, Photo courtesy of Aram Art Museum

Eine zweite große Fragestellung kreist für mich um die zunehmende weltweite Einschränkung der Pressefreiheit & Ausbreitung von Autokratien durch Wahlmanipulation auf Sozialen Netzwerken durch Firmen wie z.B. Cambridge Analytica.

Meine Videoarbeit B. T. R. (B O R N   T O   R U N, 2020), die gerade in der Kunsthalle Bratislava und auf der DIGITALE Düsseldorf zu sehen ist, spielt im Jahre 2043 und  handelt von der Weltherrschaft rechter autoritärer Autokratien und vom kompletten Verbot der publizistischen Freiheitsrechte von Journalisten. Es geht auch um die mögliche Auslieferung von Julian Assange an die USA und was das weltweit für die Lage von unabhängigen Publizisten, Whistleblowern und Journalisten in der Zukunft bedeuten könnte.

Also ein sehr aktuelles Thema unserer Zeit. Meinem Film liegt eine lange Recherche zugrunde und ich habe eine Ausstellung geplant, wo u.a. auch die dokumentarischen Videobeiträge zur rechten Szene in Europa und zur Verfolgung von unabhängigen Journalisten und Publizisten weltweit in Form einer Multi-Channel-Video-Installation zu sehen sind. Außerdem werden Teile des Filmsets gezeigt, das heißt die Arbeit B. T. R. ist eine Videoinstallation, die in sehr unterschiedlichen Feldern agiert.

Bei diesem Projekt wird das System meines künstlerischen Schaffens deutlich. Die praktische Arbeit im Studio an Skulpturen und Interieurs gehört genauso wie der Filmdreh, die fundierte Recherche und die spätere Öffentlichkeitsarbeit zu meiner Routine.

Nina Schönefeld, B. T. R., 2020, AT THE LIMIT @Kunsthalle Bratislava, Museum Slovakia, photo courtesy Kunsthalle Bratislava
Nina Schönefeld, B. T. R., 2020, AT THE LIMIT @Kunsthalle Bratislava, Museum Slovakia, photo courtesy Kunsthalle Bratislava

Eine weitere wichtige Problematik unserer Zeit ist für mich, die zunehmende Digitalisierung und Manipulation durch Tech-Giganten (Amazon, Facebook, Apple, Google etc.) zukünftiger Generationen. Heute ermöglichen Social-Media-Plattformen, manipulative Erzählungen mit phänomenaler Leichtigkeit zu verbreiten. Wahlen werden durch soziale Netzwerke beeinflusst, und neue Generationen werden nicht in der Lage sein, zwischen Wahrheit und gefälschten Nachrichten zu unterscheiden.

Kinder des digitalen Zeitalters werden auf der regelmäßigen Basis von Manipulation erzogen, die auf einer tieferen Ebene programmiert wird (siehe Netflix-Doku „The Social Dilemma“). In meiner neuen Videoinstallation P. A. R. A. D. I. S. E. geht es um den Rausch der virtuellen Realitäten und das Spiel mit der Wahrheit.

Nina E. Schönefeld, P. A. R. A. D. I. S. E., 2020/21, simulation
Nina E. Schönefeld, P. A. R. A. D. I. S. E., 2020/21, simulation

In Deinen Videoarbeiten steht die Politik häufig im Zentrum. Es geht um Gefahren, die entstehen, wenn demokratische Systeme erodieren, wenn Autokraten das Steuer übernehmen. Was wäre Deine Idealvorstellung des Governance der Zukunft? Welche Rollen spielen Frauen?

In meiner Idealvorstellung des Governance der Zukunft müssten z.B. Umweltaktivist*innen von Fridays For Future oder Greenpeace bei weltweiten Gesetzgebungen mitentscheiden.

Die meisten meiner Videoarbeiten spielen in der Zukunft. In der Trilogy Of Tomorrow entwerfe ich z.B. postapokalyptische Zukunftsszenarien, wo es eigentlich schon zu spät ist, zu kämpfen, da die Natur schon fast komplett zerstört ist.

Aber dennoch gibt es Akteur*innen, die in den Untergrund gehen, um für eine bessere Welt zu kämpfen.   

Die z.B. in der Berlinischen Galerie und im Aram Art Museum in Korea gezeigten Arbeiten D A R K   W A T E R S (2018, 15:55 Min.) und  S N O W   F O X (2018, 10:03 Min.) können als Episoden einer potenziell endlos fortsetzbaren Serie verstanden werden. D A R K   W A T E R S spielt im Jahr 2029: Alle Ozeane sind so durch Plastikabfälle verseucht, dass sie zu Todeszonen geworden sind. Die einzigen Wesen, die noch in ihnen leben können, sind giftige Quallen. Die Regierung versucht, dieses Umweltdesaster zu verheimlichen. Der Film erzählt die riskante Suche der Helikopterpilotin Silver Ocean nach der Wahrheit. Auch S N O W   F O X ist ein Science-Fiction-Film, der in der nahen Zukunft spielt: Die gleichnamige Protagonistin arbeitet für eine Firma, die das Wetter manipuliert, wodurch vermehrt Gehirnerkrankungen auftreten. Snow Fox trifft auf eine Gruppe von Kämpferinnen, die den letzten „ursprünglichen“ Ort der Erde suchen.

Im Grunde genommen glaube ich, dass, wenn man heute konkret Umweltaktivist*innen bei den großen Weltentscheidungen einbeziehen würde, es vielleicht nicht so kommen müsste, wie in meinen Videoarbeiten angenommen…

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Nina E. Schönefeld, DARK WATERS & SNOW FOX, 2018/2019, 12x12 videospace @BerlinischeGalerie, photo courtesy Oliver Jackel

Außerdem sollte in meiner Idealvorstellung des Governance der Zukunft die Auslieferung eines Journalisten und Publizisten wie Julian Assanges unmöglich gemacht werden: weltweiter Schutz für Publizisten und Journalisten sollte immer gewährleistet sein. Es muss Rechtsschutz über die Staatsgrenzen hinaus geben, sonst stecken autokratisch geführte Staaten Journalisten und politisch anders Denkende ins Gefängnis und es gibt keine Gewaltenteilung im Staat mehr. Das wäre das Ende der Demokratie. Deshalb halte ich es auch für enorm wichtig, dass es zu keiner Auslieferung von Julian Assange an die USA kommt. Assange hat Kriegsverbrechen der USA auf der unabhängigen Plattform Wikileaks veröffentlicht. Plattformen wie Wikileaks sind für unsere „noch-demokratischen“ Staaten von enormer Wichtigkeit, da sie unabhängige Kontrollorgane für die Staatsmächte sind.

Das Recht der Presse als vierte Macht im Staat muss gewahrt werden.  

In meinem Film  B. T. R. (B O R N   T O   R U N, 2020) wird das Jahr 2043 geschrieben: Julian Assange wurde ausgeliefert, autokratische rechte Staaten sind weltweit in der Übermacht und eine freie Presse existiert nicht mehr.

Ich male diese Zukunftsszenarien bewusst in meinen Videoarbeiten in so schwarzen Farben, um zu sagen:

Heute ist die Zeit zu protestieren und etwas zu verändern. Heute ist die Zeit, da wir „noch“ in Demokratien leben. 

Auch muss es Einschränkungen für die großen weltbeherrschenden Tech-Firmen geben… Wahlmanipulation á la Cambridge Analytica über Social-Media-Firmen wie Facebook darf nicht mehr möglich sein und es muss einen Ausschluss von autokratisch geführten Ländern aus der EU und weltweit agierenden Vereinigungen geben.

In meiner Vision der Zukunft muss die Chancengleichheit in unserer Gesellschaft vorangetrieben werden: Die Black-Lives-Matter-Bewegung und die Me-Too-Bewegung dürfen keine kurzzeitigen Trends bleiben. Die einzige Chance für einen Umbau unserer Gesellschaft, sehe ich, in einer Quotenregelung vor allem für Führungspositionen und darin, dass wir Frauen anfangen, uns auch in die erste Reihe zu stellen, mit allen Risiken.

Außerdem muss das Bildungssystem grundlegend geändert werden: es sollten neue, zeitgemäßere Fächer eingeführt werden, technisch-mathematisch begabte Mädchen gefördert werden. Ein Mädchen oder eine Frau, die energisch auf die Gleichberechtigung hinweist, sollte sich nie wieder anhören müssen, dass sie hysterisch ist oder vielleicht eine „Kampflesbe“. Ich würde mir gerade in Deutschland ein unkonventionelleres Herangehen an das System insgesamt und mehr Spaß am Entwickeln von neuen Ideen wünschen.

Deshalb spiele ich auch in meinen Filmen mit Geschlechterrollen und vermeintlich in Stein gemeißelten Regeln.

Ich habe mir von Männern dominierte Bereiche vorgenommen. Meine Filmheld*innen sind Helikopterpilot*innen, Investigativjournalist*innen und Umweltaktivist*innen, die Computer programmieren und reparieren und in der vordersten Reihe Reden halten.

In meiner Welt sind die Frauen, diejenigen, die nicht aufgeben, ihr Leben riskieren und die Welt verändern.  

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Nina E. Schönefeld, B. T. R., 2020, video still, HD video, 20:03 min., black & white and color, with sound

Es gibt ein interessantes Konstrukt von Jeremy Bentham, das Panopticon, das die gleichzeitige Überwachung vieler Menschen durch einen einzelnen Überwacher ermöglicht. Man könnte den einzelnen auch durch das Soziale Netzwerk ersetzen – das alles und jeden ständig im Blick hat. Was ist Deiner Meinung nach die größte Gefahr, die von den digitalen Netzwerken ausgeht. Gibt es einen Schutzmechanismus?

Heute auf Social Media wird man nonstop überwacht und ausspioniert, aber die meisten Leute registrieren bzw. bemerken es nicht mal oder finden es nicht schlimm, obwohl sie mit ihrer Sorglosigkeit bzw. Naivität unsere demokratischen Staatsgefüge auf’s Spiel setzen. Donald Trump wäre heute nicht an der Macht und auch der Brexit wäre eventuell nicht da, wenn Firmen wie Cambridge Analytica Wähler nicht auf Social Media dauerhaft ausspioniert hätten und direkten Einfluss auf die Wahlen genommen hätten.

Dass es heutzutage möglich ist, über den Datenverkauf auf sozialen Netzwerken auf das politische Machtgefüge einzuwirken, ist sehr gefährlich für unsere Demokratien.

Wenn z.B. Parteien am rechten Rand, die keine demokratischen Wurzeln haben, über das Bezahlen von Drittfirmen auf Sozialen Netzwerken Einfluss auf Wähler nehmen, halte ich das für höchst bedenklich.  

Was ist die Wirklichkeit? WITH OUR FEED WE CREATE OUR OWN REALITY. Ich verwische in meiner Kunst Grenzen zwischen Fiktion und Realität und versuche auf diesem Weg Missstände aufzudecken. Man muss mit den gleichen Methoden der Branche zurückschlagen, um etwas am Dilemma der „Sozialen Medien“ zu verändern. Zumeist stelle ich interaktive Gesamtinstallationen kombiniert aus Videos, Skulpturen und Interieurs aus

Ich recherchiere sehr viel im Netz, arbeite mit sozialen Netzwerken wie Instagram und Facebook, schaue mir deren Muster, aber auch kritische Dokumentationen von Investigativjournalist*innen hierzu an.

Das Gute im Bereich der interdisziplinären Videokunst ist, dass man wissenschaftliche Forschungsergebnisse, Zukunftsvisionen, historisches Wissen, ästhetisch hochwertige Bildwelten und triviale Bildwelten kombinieren kann. Ich hatte noch nie Probleme mit viel technischem Equipment große Installationen zusammenzubauen. Ständig arbeite ich mich in neue technische Bereiche ein, Videoschnitt, Kamera, Storytelling und das Bedienen neuartiger Videoapps habe ich mir selbst beigebracht. Ebenso das Bewegungsmeldereinbauen oder das Mischpultintegrieren: Kein Problem. Es findet sich für alles ein Tutorial im Internet.

Alles ist denkbar, alles ist erlaubt in meinem System der Internetrecherche und Veröffentlichung auf Social Media. Dieses System führt dazu, dass man durch sein nicht vorhersehbares anarchisches Verhalten Sand in das Getriebe der Algorithmen schmeißt. Nur ich entscheide, nicht der Algorithmus.

Allerdings kann ich damit nur öffentlichkeitswirksam auf die Missstände hinweisen, wirklich etwas ändern und wesentliche Schutzmechanismen einbauen, kann nur die Politik: Nachfolgefirmen von Cambridge Analytica, Soziale Netzwerke wie Facebook und Firmen wie Google brauchen klare Einschränkungen und Regeln der Staatengemeinschaft.

Und wir brauchen eine unbestechliche, unabhängige, freie Presse.

Welche Rolle hat der Künstler, hast Du heute und in Zukunft?

Ich sehe mich in meiner Künstlerrolle als Aufklärerin, Aktivistin und Vorreiterin und ich halte Kunst für ein wichtiges Korrektiv in der Gesellschaft. Schon während des Studiums habe ich medienübergreifend gearbeitet und mein Schwerpunkt lag, auch bei meiner Doktorarbeit, auf grenzüberschreitender Kunst und auf Kunstströmungen, die auf der Suche nach Neuem sind bzw. waren.

Nach dem Studium habe ich mich nicht von Leuten einschüchtern lassen, die meinten, dass ich mich auf ein Feld in der Kunst festlegen sollte.

Ich habe sowohl wissenschaftliche Aufsätze z.B. zur radikalen Erneuerung der Grundlehre an Kunst-Universitäten publiziert, als auch riesige multimediale Installationen in Offspaces gezeigt – auch wenn das kein Geld einbrachte und nicht unbedingt als karriereförderlich galt.

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Nina E. Schönefeld, TRAPPED, 2018, The Missing Room @LAGE EGAL Berlin, photo courtesy Oliver Jackel

Inhaltlich beschäftige ich mich schon seit einiger Zeit mit Menschen unserer Gegenwart, die mit Konventionen brechen und bis an ihre Grenzen gehen, z.B. mit politisch motivierten Hacker*innen, Whistleblower*innen, Survival-Spezialist*innen, Investigativjournalist*innen und Umwelt-Aktivist*innen.

In all meinen Videoarbeiten u.a. auch in der Filmreihe TRILOGY OF TOMORROW (S N O W  F O X / D A R K  W A T E R S / L.E.O.P.A.R.T.) wird mit stereotypen Geschlechterdarstellungen gespielt und es stehen ausschließlich weibliche Heldinnen im Zentrum des Geschehens. Viele Charaktere in meinen Videoproduktionen sind von Künstlerkolleg*innen inspiriert. Im Bereich der Bildenden Kunst gilt es, vor allem als Künstlerin, extrem diszipliniert, eigenwillig und durchsetzungsfähig zu sein.

Als Künstlerin kann ich viele verschiedene Bereiche miteinander vereinen, ohne streng wissenschaftlichen Kriterien zu unterliegen, das ist gut und richtig so.

Ich muss mich auch nicht an brancheninterne Regeln oder Konventionen halten. Das lässt sich z.B. gut anhand des Genres Film/Video erklären. In meinen Filmen zitiere ich die Ästhetik verschiedenster Formate und Genres – von Blockbuster-Serien wie The Sinner über Klassiker der Filmgeschichte wie Clockwork Orange und Stalker bis hin zu wissenschaftlichen Dokumentationen, aber auch Computerspiel-Tutorials oder High-End-Streetwear-Werbevideos von Gosha Rubchinskiy & Balenciaga. So entstehen Filme, deren thematische Bezüge zu aktuellen weltpolitischen Entwicklungen auf eine visuelle Sprache treffen, die so verführerisch wie vertraut ist und die entworfenen Szenarien umso beunruhigender machen.

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Nina E. Schönefeld, D A R K W A T E R S, 2018 @30 Years of Goethe Institut Beijing, China, Photos courtesy of Goethe Institut Beijing

Das Bedürfnis, um demokratische Rechte zu kämpfen und politisch instabilen Zeiten standzuhalten, projiziere ich auf eine Vielzahl meiner Werke.

Maßgeblich beeinflusst wurde diese Entwicklung vom Tod meines Vaters, der Professor für politische Soziologie und Wirtschaft war und Bücher wie „Die Anatomie des politischen Skandals“ schrieb. Eine wichtige Wissensquelle fiel weg, ein kontrovers denkender Diskussionspartner verschwand und ich begann, stärker als politische Künstlerin aufzutreten, auch um unsere Familientradition der Aufklärung und des politisch-kritischen Denkens weiterzuführen. Das „E.“ in meinem Namen steht für meinen Vater und für meine Mutter, die mir bis heute ein großartiges Vorbild ist. Meine Mutter hat in den 1970er Jahren als eine der ersten Frauen in Berlin begonnen, als Programmiererin und Statistikerin im Rechenzentrum des Hahn-Meitner-Instituts zu arbeiten. Der Beruf der Programmiererin war ursprünglich eindeutig in Frauenhand.

Nina E. Schönefeld, D A R K W A T E R S, Trailer, (2018)

Mit welchen dieser Elemente (Feuer, Erde, Wasser, Luft, Space) kannst Du Dich in Bezug auf deine Person oder deine Arbeit am besten identifizieren?

Feuer und Wasser. Das Feuer steht für mich für maximale Energie. Vom Feuer verkohlte schwarze Bildobjekte finden sich seit Jahren in meiner Arbeit. Aus dem Tod erwächst ein Neubeginn, wo Schatten ist, gibt es eben auch Licht. „Never give up!“

Das Wasser findet sich schon in meinem Sternzeichen: „Fische“. Ich liebe das Meer, bin stundenlang im Wasser. D A R K  W A T E R S ist einer meiner Filmtitel, der vieles in meiner Arbeit auf den Punkt bringt.

Beide Elemente gehören zusammen und weisen höchst unterschiedliche Eigenschaften auf. Sie sind wie meine multimedialen Videoinstallationen: es gibt eine Reibung, aber das eine Element kommt nicht ohne das andere aus.

Lots of sparkling bright energy with a cool dark touch of iconic death & infinity.

An welchen Projekten arbeitest Du gerade und worauf können wir uns in 2020/21 freuen?

Mein neuestes Projekt P. A. R. R. A. D. I. S. E. ist eine Videoinstallation mit Multichannel-Videoscreenings, Skulpturen und Interieurs. Inhaltlich geht es um den Unterschied zwischen der Erfahrung der virtuellen Realität in künstlichen Räumen und der Erfahrung der physisch greifbaren Realität in der Natur. Obwohl die Realität heute oft surreal erscheint und die virtuelle Realität immer realer wird, gibt es immer noch einen Unterschied. Es ist eine Frage der Wahrheit.

P. A. R. A. D. I. S. E. befindet sich noch in der Entwicklung. Einige der Skulpturen und Teile der Innenräume sind fertiggestellt. Die Dreharbeiten und die Bearbeitung der Videoarbeiten haben begonnen, sind aber noch nicht abgeschlossen. Die Videoarbeit kontrastiert künstlich erstellte High-Tech-Aufnahmen (Greenscreen & neue VR-Apps) mit dokumentarischen Aufnahmen in der Natur. Der Ausstellungsbesucher soll sich als Teil der virtuellen Welt fühlen und kann komplett in die Realität der Filmheldinnen eintauchen. Erreicht wird dies durch eine ausgeklügelte und spannende Gestaltung der virtuellen Welt in der Videoarbeit.

„Du kannst das kalte Wasser physisch an deinem Körper spüren und du kannst meine warme Hand auf deiner kalten Haut fühlen“.

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Nina E. Schönefeld, P. A. R. A. D. I. S. E., 2020/21, simulation

AUSSTELLUNGEN

Am Limit @Kunsthalle Bratislava on view till January 31, 2021

Hier wird meine Videoarbeit B. T. R. (BORN TO RUN) und meine Videoskulptur ART IS MY REVENGE gezeigt.

Ausstellungsdauer: 31.01.2021

Artists: Silvia Beck (DE), Francisco Klinger Carvalho (BR), Chan Sook Choi (KOR), Nadine Fecht (DE), Pavel Forman (CZ), Martin Juef (DE), Martin Kocourek (CZ), Zorka Lednárová (SK), Luciana Magno (BR), Matthias Mayer (DE), Falk Nordmann (DE), Armando Queiroz (BR), Monika Rechsteiner (CH), Nina E. Schönefeld (DE), Bignia Wehrli (CH), Markus Wirthmann (DE)

Curator and author of the conception: Martin Juef / Curatorial cooperation: Zorka Lednárová / Curator’s assistant: Jana Babušiaková

The exhibition NA HRANE / AT THE LIMIT / AM LIMIT explores borders and experiences associated with borderline situations through the background of works by 16 authors from six countries. Through the selection of artworks, the curators of the exhibition refer either to personal boundary experiences or to transgressive conditions created on the basis of certain artistic strategies or approaches. Borders mark an inside and an outside, they are form building contours for existential facts. Borders are dynamic and therefore never final, only death constitutes an ultimate border.

›Facing New Challenges:Water‹ @Heidelberger Kunstverein on view till January 17, 2021

Hier wird meine Videoarbeit D A R K  W A T E R S gezeigt.

Filmic installations on the topic of water

In cooperation with the 63rd International Film festival Mannheim Heidelberg

Artists: John Akomfrah, Ursula Biemann, Julian Charrière, Cyprien Gaillard, Karrabing Film Collective, Tuomas A. Laitinen, Sky Hopinka, Sonia Levy, Tabita Rezaire, Nina E. Schönefeld, Susanne Winterling

With the exhibition ›Facing New Challenges‹, the 69th International Film Festival Mannheim Heidelberg (IFFMH) 2020 presents a new format in cooperation with the Heidelberger Kunstverein (HDKV). Cinematic works by international visual artists – on show as permanent installations beyond the duration of the festival – enter into a dialogue with narrative cinema and hence broaden the perspectives of moving image production.

As the inaugural exhibition in an on–going series, ›Facing New Challenges: Water‹ brings together international contemporary artistic works concerned with ›water‹. In view of climate change, current and expected distribution struggles, and in relation to (post–)colonial history, ›water‹ remains a crucial issue of our times. It is a symbol of the current ecological crisis, the scene of various geopolitical and ethnopolitical struggles and, as a commodity, an object of exploitation. As the largest of all ecosystems, water also functions as a fascinating habitat for a community of organisms that perform vital environmental functions. In the selected films, water appears as an object of (scientific) investigation, as a biosphere, as well as a spiritual point of reference. As diverse this range appears, as varied are the filmic practices brought together by the exhibition.

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Author: Inga Nelli