CŒUR À CŒUR – Chapter IIII – EIN PAAR GEDANKEN ZU BEUYS

In seiner Kolumne CŒUR À CŒUR  stellt Guido Brancher von  GUID-O-BERLIN* Orte und Happenings vor – versucht sie zu verstehen und sie in einen historischen und zeitkritischen Kontext zu setzen. Bezüglich der Thematik geben wir ihm Carte Blanche weil wir seinen Eklektischen Geschmack und seine weit verzweigten Referenzen mögen. 

Und weil Berlin erst so richtig schön ist, wenn man es auch regelmäßig verlässt, werden einige Berichte auch von seinen Reisen kommen. 

Kommt mit und lasst euch treiben. The journey starts here!

Porträt Joseph Beuys, Paris, ca. 1985, Fotografie, © imago images / Leemage
Porträt Joseph Beuys, Paris, ca. 1985, Fotografie, © imago images / Leemage

„Jeder Mensch ist ein Künstler“ – 100 Jahre Beuys

Joseph Beuys wäre dieses Jahr 100 Jahre alt geworden. Kunsthistorisch gesehen heißt das, er wurde geboren vier Jahre nachdem Marcel Duchamp ein Urinal signierte und es Kunst nannte. Eine Tatsache, die den «revolutionären» Aspekt seiner «sozialen Skulpturen» aus den sechziger, siebziger und achtziger Jahren relativiert. Versteht mich nicht falsch, ich glaube immer noch, dass Beuys eine der wichtigsten Persönlichkeiten der Moderne ist und dass sein Werk heute relevanter ist denn je, aber ich glaube, dass es in seinem Werk mehr um die Gesellschaft als ganzes geht als «nur» um Kunst.

Was wäre, wenn wir ihn eher als einen der großen deutschen revolutionären Denker in der Tradition von Nietzsche und Marx betrachteten als in der Tradition von Picasso, Duchamp oder Warhol?

Seine Kernaussage lautet: «Jeder Mensch ist ein Künstler» und daher sollten alle unsere Handlungen als Kunst betrachtet werden. Das war an sich nicht revolutionär denn, wie oben erwähnt, wurde die Kunst bereits 1917 von ihrem Sockel gestoßen und jeder konnte seinen Duchamp machen und ein banales Objekt zum Kunstwerk erklären. Sein «Jeder Mensch ist ein Künstler» bedeutet, dass wir über unser Handeln nachdenken müssen, bevor wir handeln und in dieser Überlegung müssen wir den höchsten Grad an Nachhaltigkeit anwenden, denn Kunst ist die Höhe der Nachhaltigkeit.

Weil Kunst das ist, was eine Zivilisation am meisten schätzt. Kunst ist was wir der Nachwelt überlassen. Denkt mal an den Steinzeitmenschen, der schon seine Höhlen gemalt hat! Kunst verbindet uns alle, verbindet uns mit früheren Generationen und trennt uns von den Tieren. Kunst ist daher der zentrale Ausdruck der Menschheit. Wenn also jeder ein Künstler ist, bedeutet dies, dass wir die Verantwortung für zukünftige Generationen an die Spitze unserer Werte stellen und dass unser Handeln immer nachhaltig sein muss.

Ist es ein Wunder, dass Beuys der Mitbegründer der Grünen war? Siehste!

 Joseph Beuys mit Johannes Stüttgen (r.) vor der Düsseldorfer Akademie anlässlich der Gründung der Deutschen Studentenpartei 1967. Foto: Volker Krämer, STERN / Picture Press (courtesy Kunsthalle Basel)Buchhandlung W. König

 Joseph Beuys mit Johannes Stüttgen (r.) vor der Düsseldorfer Akademie anlässlich der Gründung der Deutschen Studentenpartei 1967. Foto: Volker Krämer, STERN / Picture Press (courtesy Kunsthalle Basel)Buchhandlung W. König

7000 Eichen

Und wenn wir Beuys als Philosophen betrachten, spielt es auch keine Rolle mehr, ob wir die tiefere Bedeutung einer Fettecke oder eines mit Filz überzogenem Klaviers verstehen. Ehrlich gesagt glaube ich nicht mal, dass er von uns erwartete, dass wir seine Kunst verstehen. Sein Werk erzählt seine sehr persönliche Geschichte und er stellt es der Öffentlichkeit zur Diskussion. Eine Diskussion, die in den Nachkriegsjahren in Deutschland extrem notwendig war, denn da lungerten noch viele alte Nazis, und zwar bis in die höchsten Regierungskreise.

Es war der Diskussionsprozess, der ihn interessierte, nicht unbedingt das Verständnis. Deshalb waren seine Erklärungen zu seiner Kunst auch oft so vage, manchmal sogar verwirrend.

CŒUR À CŒUR – Chapter IIII – EIN PAAR GEDANKEN ZU BEUYS 1

Seine relevanteste (und verständlichste) Arbeit ist meiner Meinung nach das Pflanzen von 7000 Eichen für documenta7 im Jahr 1982. Für mich verkörpert diese Aktion in sehr einfacher Bildsprache, was er von uns verlangt, nämlich den Planeten für das zu entschädigen, was wir zerstört haben.

Heute nennen wir das «Carbon-balance».

Zudem forderte seine Künstlerkollegen (die wir alle sind) auf, eine Alternative zum Zwei-Block-System zu finden, denn der Kommunismus entpuppte sich als unterdrückend und der Kapitalismus mit seinem ständigen Bedürfnis nach Wachstum kann auf lange Sicht nicht funktionieren, weil der Planet, auf dem er praktiziert wird, endlich ist.

Wir müssen diesen dritten Weg finden, sonst werden wir zugrunde gehen und es erfordert die Kreativität eines Künstlers, um dieses Konzept zu entwickeln.

Go Juppi!

Photo: Aktionskünstler Beuys: „7000 Eichen“ bei der documenta 7 1982

*GUID-O-BERLIN kreiert Erinnerungen. Wir bieten exclusive personalisierte Touren und Begegnungen in und um Berlin an und helfen Ihnen gerne dabei auch andere europäische Metropolen außerhalb der Touristenpfade zu erkunden. 

Header Photo: Joseph Beuys, 7000 Eichen. Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung (1982-1987) Foto: Udo Reuschling.