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Hilma af Klint und vier weitere Frauen, die Mitglieder der Edelweiss-Gesellschaft waren, gründeten eine eigene spirituelle Gruppe namens "The Five". "The Five" trafen sich zwischen 1896 und 1907 regelmäßig. Die spirituellen Kontakte wurden mündlich durch das Medium der Gruppe sowie durch automatisches Schreiben und Zeichnungen ausgedrückt. Die Sitzungen wurden in einer Reihe von Notizbüchern aufgezeichnet.
Photo: Seance Raum. Hilma af Klint und vier weitere Frauen, die Mitglieder der Edelweiss-Gesellschaft waren, gründeten eine eigene spirituelle Gruppe namens „The Five“. „The Five“ trafen sich zwischen 1896 und 1907 regelmäßig. Die spirituellen Kontakte wurden mündlich durch das Medium der Gruppe sowie durch automatisches Schreiben und Zeichnungen ausgedrückt. Die Sitzungen wurden in einer Reihe von Notizbüchern aufgezeichnet.

Lange haben ich dem Dokumentarfilm „Jenseits des Sichtbaren“ über die schwedische Malerin Hilma af Klint (1862-1944) entgegengefiebert, der am 5. März in den Berliner Kinos anlief. Die Pionierin der abstrakten Malerei zählt zweifelsohne zu den wichtigsten und herausragenden Persönlichkeiten und Malerinnen des 20. Jahrhunderts.

Eine Kontaminierung der Seele

HILMA AF KLINT: Jenseits des Sichtbaren #2 1

Ich erinnere mich, wie gestern daran als ich das erste Mal in Berührung mit ihrer Malerei kam.

Das war in Form einer Postkarte im Haus der Kunst in München.

Ich war schlagartig fasziniert, irritiert und wach.

Dieses Gefühl etwas zum ersten Mal zu sehen und sich trotzdem daran zu erinnern, obwohl das ja eigentlich gar nicht möglich ist, weil man es zum ersten Mal sieht.

Es handelte sich um das berühmte Altarpiece – No 1 – Group X aus dem Jahr 1915.

Als ich damals die Postkarte umdrehte flüsterte ich unbewusst laut fast wie in Trance den Namen laut vor mich hin:

Hilma af Klint.

Klingt alles irgendwie etwas mystisch?

Im Nachhinein betrachtet eigentlich nicht.

Altar pictures, Group X, no. 1. Altar picture, 1915 Oil and sheet metal on canvas 237,5×179,5 cm HAK187 © The Foundation Hilma af Klint’s Works

Denn Hilma af Klints Oeuvre löst alle visuellen, mentalen und spirituellen Grenzen auf und dringt unmittelbar ein.

Wie ein Tropfen Blut der auf ein Stück weißes Gaze tropft. Das Blut breitet sich sofort aus, der Stoff wird durchtränkt und ändert im Bruchteil einer Sekunde seine Farbe. Danach bleiben die Blutspuren für immer ein Teil der Struktur, selbst wenn man den Stoff auswäscht. Genauso ist es mit der Kunst von Hilma af Klint.

Eine Kontaminierung der Seele, wenn man so will.

Hilma af Klint, Untitled , 1920. Photo by Albin Dahlström, the Moderna Museet, Stockholm. Courtesy of the Hilma af Klint Foundation, Stockholm and the Guggenheim Museum.
Hilma af Klint, Untitled , 1920. Photo by Albin Dahlström, the Moderna Museet, Stockholm. Courtesy of the Hilma af Klint Foundation, Stockholm and the Guggenheim Museum.

Der Kosmos ihrer Bildern und unzähligen Notizen umfasst Astronomie, Biologie, Theosophie bis hin zur Relativitätstheorie und ist absolut einzigartig. Um ihrer Bedeutung und den vielen Facetten ihrer Gedankenwelt und Kunst gerecht zu werden widmen wir unsere erste große spirituelle Serie auf coeur er art Hilma Af Klint.
Wir werden unter anderen die damalige Relevanz der Theosophischen Lehrer besonders für weibliche Künstlerinnen beleuchten oder auch die Rolle des Symbolismus und Mystizismus in der Kunst am Beispiel von Hilma af Klint untersuchen.

Weiter geht es mit dem zweiten Teil unseres ausführlichen Gespräches mit der Regisseurin Halina Dyrschka welches wir kurz vor der weltweiten Ausbreitung des Corona Virus geführt haben und nihct nur Ihren Antworten sondern auch dem Werk von Hilma af Klint nur noch mehr Gewicht verleiht.

Trailer, Hilma af Klint, Jenseits des Sichtbaren

Wie wichtig diese Aufarbeitung und Auseinandersetzung ist in Hinblick auf die bisher systematische fehlende Darstellung von Frauen in der Kunst seit der Renaissance kann hier gar nicht stark genug betont worden.

Hilma Af Klints Werk ist darüber hinaus aber aus einem ganz anderen Grund höchst relevant für unsere heutige Gesellschaft:

Sie hat nicht nur Kunst erschaffen, die ihrer Zeit voraus war, sie hat auch ein Lebensbild vertreten, das bis heute absolut zukunftsweisend ist. Sei es die Gleichheit der Geschlechter oder ihre visionäre Anschauung zu Religion und Spiritualität – hier ist eine Künstlerin, die Bedeutendes zu sagen hat, unabhängig von geschmacklichen Präferenzen oder subjektivem Kunstverständnis.“

Hilma af Klint, Portrait, 1910
Hilma af Klint, Portrait, 1910

Das Universum ist Veränderung

Wie ist Deine persönliche Sicht der Dinge auf die Welt des Unsichtbaren?

Der Film ist meine ganz persönliche Sicht auf das „Universum der Hilma af Klint“ – das aber ganz das unsere ist. Es ist ja eher so, daß wir uns hier auf diesem Planeten eine Welt eingerichtet haben, in der das Schicksal immer mehr ausgeschlossen wird.

Als ob der Mensch sein Leben tatsächlich durchplanen und dann ebenso durchführen könnte wie erdacht. Das wird immer dann deutlich, wenn im Leben etwas Unvorhersehbares passiert – das wirft uns meist sehr überraschend aus der Bahn.

Warum eigentlich?

Das Universum ist Veränderung- das gleiche gilt für das Leben auf diesem Planeten.

Alles verändert sich ständig und Sicherheit ist etwas nicht Existentes. Wir können Pläne machen und versuchen uns „abzusichern“, aber ob es Letzen Endes dann auch so funktioniert bleibt offen.

Insofern ist mir die Lebensansicht von Hilma af Klint sehr geläufig. Das hat mich ja auch so begeistert, als ich sah, hier sind die Bilder dazu, die unser SEIN beschreiben.

As there is so much we don’t know and cannot see, we should always keep our minds open – i.e. first of all in working on ourselves, in order to really overcome all the narrow limits that we impose on ourselves in our thinking. I see this as a life-long task.

Außerdem wollte ich zum Thema der Spiritualität, mithilfe der physikalischen Erkenntnisse von damals – die heut noch genauso gelten-, einen besseren Zugang ermöglichen.

Denn Wissenschaftler – gerade in Bezug auf die Quantenphysik – müssen einen starken Glauben ans Sein, ans Leben haben. Ansonsten würde ja niemand auf die Idee kommen, da mal nachzuforschen.

Ich finde es sehr beruhigend zu wissen, daß das was wir hier wahrnehmen und sehen nicht alles ist. Das ist enorm hilfreich, wenn man gerade mal wieder Formulare ausfüllen muß für irgendwelche Ämter oder man die neusten Nachrichten hört.

Photography : Åsa Lundén / Museum of Modern Art Stockholm 2013
Photography : Åsa Lundén / Museum of Modern Art Stockholm 2013

Ein Werk jenseits von Kunst und Kunstgeschichte

In Berlin gab es in 2013 eine Ausstellung mit Arbeiten von Hilma Af Klint im Hamburger Bahnhof (die ich leider nicht mitbekommen habe wie viele sicherlich) – aus einem Artikel aus 2013:

Die Schwedin, die den „Baum der Erkenntnis“ malte und Transzendenz anstrebte, kannte Steiner. 1908 traf sie den Generalsekretär der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft.
…Vertreterin einer moderaten Abstraktion – aus dem Jugendstil kommend, dekorativ und visionär. Bereits vor Wassily Kandinsky arbeitete die Tochter aus wohlhabendem Hause weitgehend abstrakt. Die reine Abstraktion aber blieb ihr fremd. Wie die Werktitel andeuten, scheint es, als wollte sie eher vermitteln. Die Kunstgeschichte muss wohl nicht umgeschrieben werden.

Vielleicht bin ich hier etwas voreingenommen aber was sofort auffällt ist das Verbinden mit wichtigen männlichen Persönlichkeiten, um ihr Wert zu geben, ich finde die Aussage das ihr die reine Abstraktion fremd blieb schlicht falsch und auch die Spekulation über ihren Ansatz eher schwierig, ja fast arrogant.
Mir ist natürlich klar, dass wir den künstlerischen Gegenpart brauchen, um Ihre Arbeit zu verorten, gleichzeitig sehe ich Hilma Af Klint als perfektes Beispiel die für sich alleine stehen kann und sollte?

© Stiftelsen Hilma af Klints Verk
© Stiftelsen Hilma af Klints Verk

Genau. Das Oeuvre von Hilma af Klint ist eigentlich jenseits von Kunst. Und jenseits der Kunstgeschichte sowieso. Ehrlich gesagt, die Kunstgeschichte war eben nur ein Anlaß. Hätte man es nicht betont, daß sie die erste war, hätte man zu gehört?
Da gab es eben die üblichen Versuche eine Künstlerin zu diskreditieren. Ich kann das in keiner Weise nachvollziehen.

Was hat man davon immer nur Kandinsky und Co. zu huldigen?

Wenn man nicht gerade einen besitzt… Aber viele dieser Artikel waren auch nicht gut recherchiert – vieles davon hat sich als überholt erwiesen und sicherlich kannte der Kritiker nicht ihr gesamtes Werk. Dort gibt es sehr wohl rein abstrakte Bilder.

Oder wie bezeichnet man ein gelbes Quadrat?

Hilma af Klint, Serie Parsifal, Grupp II, nr 69, 1916 Akvarell och blyerts på papper 26,8 × 24,8 cm HAK279
Hilma af Klint, Serie Parsifal, Grupp II, nr 69, 1916 Akvarell och blyerts på papper 26,8 × 24,8 cm HAK279

Nun bringt das Oeuvre vieles durcheinander und das ist großartig. Denn wenn sich alle zu sicher fühlen, vor allem die Menschen in den Institutionen (wie Museen), dann wird das Verhalten ignorant und zwar ganz offiziell.

Und niemand beschwert sich, weil ja alles so bleibt wie immer. Ich wüßte auch nicht warum man immer Vergleiche anstellen muß? Wir neigen ja alle dazu, aber im Grunde steht doch jeder Künstler für sich selbst. Man orientiert sich zwar an dem einen oder anderen, aber man versucht doch das ganz Eigene zu finden.

Herman Hesse hat mal gesagt, die Künstler die besondere Außenseiter waren, leuchten immer am hellsten.

Group V, The Seven-Pointed Star, No. 1n (Grupp V, Sjustjärnan, nr 1), from The WUS/Seven-Pointed Star
Group V, The Seven-Pointed Star, No. 1n (Grupp V, Sjustjärnan, nr 1), from The WUS/Seven-Pointed Star

Die Arroganz des (Kunst) Establishment

Das MoMa in New York weigerte sich schlicht den Fakt anzuerkennen das Hilma Af Klint vieler ihrer männlichen Kollegen weit voraus war, wie auch im Film eindrucksvoll gezeigt wird, angefangen von Kandinsky bis zu Joseph Albers, Paul Klee, Cy Wombly und sogar Andy Warhol. Wie lange kann diese Verweigerung aufrecht gehalten werden? Es wird ja argumentiert das sie nicht ausgestellt hätte (was nicht stimmt, sie hat ja nachweislich in London ausgestellt) und es deswegen nicht anerkannt werden kann?

Dieses Argument ist doch eigentlich ein Witz. Ich habe es nie verstanden. Was soll das heißen? Warum sollte es eine Rolle spielen, daß sie nie ausgestellt hat? Was sie, wie wir ja nun wissen, doch hat.

Aber wenn dieses Argument stimmt, dann würde ich dafür plädieren alle Van Goghs sofort abzuhängen und einzupacken!

Das war ja auch das besonders ärgerliche an diesem Gesamtversuch des kunsthistorischen Establishments, eine Künstlerin, mit wirklich miserablen Argumenten zu diskreditieren.

Das ist im Grunde auch eine Arroganz gegenüber dem Publikum, welches die hohe Kunstgeschichte nicht verstehen kann. Aber diese Argumente sind völlig zwecklos.

Das ist doch toll, oder?

Da ist dieses Werk und es stört die Gewohnheit und „Ordnung“ – mit einer sehr positiven Energie.

Der Film zitiert gleich im Trailer „Die Kunstgeschichte muss umgeschrieben werden“ – glauben sie daran es erreichen zu können, bzw. generell?

Es passiert schon längst. Die großen Museen haben alle nachgegeben- übrigens OHNE sich dazu irgendwie zu äußern. Das MoMA zeigt seit diesem Jahr ein Bild von Hilma af Klint und die Ausstellung im Guggenheim war die erfolgreichste in seiner Geschichte.

Und was das Schriftliche betrifft: Der Wissenschaftshistoriker aus dem Film, Ernst Peter Fischer, hat Hilma af Klint in seinem neuen Buch zwischen Cézanne und Picasso erwähnt. Und als ich während der Dreharbeiten zufällig Florian Illies traf, der einen zweiten Band seines Bestsellers „1913“ plante, erinnerte ich ihn daran, daß er diesmal bitte nicht Hilma af Klint vergisst. Hat er nicht.

Die Kunstwelt ist aber nicht plötzlich aufgeschlossener geworden, sondern sie kann nun nicht mehr anders.

Sie muß sich etwas bewegen. Aber ob es zu einem tatsächlichen Umdenken führt- das muß man abwarten. Dazu gehört mehr, als nur einen Text umzuschreiben.

Die Menschheit mit Freude, Liebe und Kunst heilen

Auf eine Art stellt Hilma Af Klints genaue Anweisungen wie mit ihren Arbeiten zu verfahren ist und vor allem auch das sie „nicht integrierbar ist im Marktsystem“ des Kunstbetriebes eine visionäre Vorausschau die fast unglaublich ist, aber auch nur wenn man ihre Aussagen als Esoterik abtut. Hand aufs Herz wie siehst du das?

Ich hoffe wirklich sehr, daß ihre Werke niemals verkauft werden und nicht auf den Markt kommen. Da gehören sich einfach nicht hin. Allerdings hoffe ich auch, daß vor allem die Schweden nun aufwachen und sich um dieses Werk kümmern. Es gehört einer Stiftung, aber nichtsdestotrotz sollte man sehr aufpassen in welche Hände es gelangt.

Wer denkt er könne nur mit Geld sein eigenes Ego aufwerten ist hier fehl am Platz.

Ich finde, das Schwedische Kulturministerium sollte in die Pflicht genommen werden einen Ort für sie zur Verfügung zu stellen, gemeinsam mit der Stiftung. Es ist die einzige schwedische Künstlerin von wahrem Weltrang.

Hilma af Klint, Serie WU/Rosen, Grupp II, nr 5. Erosserien, 1907 Olja puk 61 x 82 cm
Hilma af Klint, Serie WU/Rosen, Grupp II, nr 5. Erosserien, 1907 Olja puk 61 x 82 cm

Die Werke brauchen ihren Tempel. Etwas was KEIN Museum ist.

Dieses Oeuvre braucht einen einzigartigen Ort.

Und, daß sie das sozusagen vorausgesehen hat, ist eigentlich nicht besonderes visionär, sondern hat mit ihrem Verhältnis und dem Bewußtsein zu ihrem Werk zu tun, bzw. mit der Art und Weise wie es entstanden ist. Es ist eben nicht im Sinne einer Karriere entstanden.

An solche kleinlichen Dinge hat Hilma af Klint offensichtlich nicht gedacht.

Sie wußte immer, daß das Werk für die Menschheit wichtig ist.

Ich empfinde das ebenso. Und die Menschen, die bereit sind sich darauf einzulassen, erleben ein großes Glück und tiefe Freude.

Der Rest braucht vielleicht noch ein wenig, aber das macht nichts.

Nach Hause kommen mit Hilma

Der Film und die Aufmerksamkeit die ihre Arbeit nun zu recht bekommt scheint mir zum genau richtigen Zeitpunkt zu kommen, in einer Zeit des blinden Turbo Kapitalismus, einer Zeit in der viele Menschen komplett abgeschnitten sind von der Natur, ihrem Unterbewusstsein, der metaphysischen Ebene.

Ganz konkret gefragt was können oder müssen wir sogar von Hilma Af Klint lernen?

Das wird jeder für sich selbst erfahren, wenn er sich diesem Werk zuwendet. Das ist auch das offensichtliche Geheimnis ihres großen Erfolges: die Menschen lieben Ihre Kunst.

Von ganzem Herzen. Was kann es besseres geben, als das es einem Werk tatsächlich gelingt Liebe hervorzubringen. Es gibt Menschen die behaupten, daß die Bilder auch eine heilende Kraft besitzen.

Hilma af Klint, Swedish (1862-1944), Untitled, 1931. Watercolor on paper, 22.7 x 29 cm
Hilma af Klint, Swedish (1862-1944), Untitled, 1931. Watercolor on paper, 22.7 x 29 cm


Man möchte dort sein, wo diese Werke sind und man spürt unmittelbar, daß es hierbei tatsächlich um etwas Größeres geht als „nur“ um Kunst.

Hier wird unser (Da-) SEIN benannt.

In diesen Werken kann man nach Hause kommen. Man kommt dort an und möchte da bleiben.

Wir möchten Halina Dyrschka für ihre Zeit und ihre Einblicke und der Hilma af Klint Foundation für die freundliche Unterstützung in Bezug auf die Bilder danken

Teil 3 unserer Serie über Hilma af Klint wird in Kürze bekannt gegeben.

Author: Esther Harrison