Seite wählen
Die Fotografin und Filmregisseurin Franziska Stünkel
Die Fotografin und Filmregisseurin Franziska Stünkel

Mit ihrer Fotografie-Serie „Coexist“ begibt sich Regisseurin und Fotografin Franziska Stünkel seit mehr als 10 Jahren auf die Suche nach dem globalen Gesicht der menschlichen Koexistenz, reflektiert in den Schaufenstern globaler Metropolen.

In Zeiten in denen Corona das Leben lahm legt und das menschliche Miteinander auf globalem Level spürbar verändert, gewinnt das Thema der Koexistenz eine ganz neue Brisanz.

Ursprünglich ein Begriff aus der Ökologie steht Koexistenz für das Überleben mehrerer miteinander interagierender Arten im gleichen Lebensraum. In offenen Systemen der Natur ist Koexistenz die Regel, der Ausschluß durch Konkurrenz die Ausnahme.

Hat sich diese Regel im Zeitalter des Anthropocene geändert?

Fragt man Franziska Stünkel liegt Antwort dort, wo sich die Welt spiegelt – in den Schaufenstern und Glasfronten der globalen Metropolen. Franziska Stünkel’s Fotografien zeichnen ein vielschichtiges, intimes Bild unserer Welt in dem die Grenzen zwischen gemeinsam und einsam, zwischen Abstand und Nähe, zwischen Isolation und Partizipation verschwimmen.

Durchsichtig und reflektierend zugleich, erzählt jedes der Bilder eine ganz eigene, gefühlvolle Geschichte unseres Zusammenseins.

Wo Berührungen sich spiegeln…

Bilder sagen mehr als tausend Worte heißt es. Welche Geschichten erzählen deine Bilder, die Worte nicht ausdrücken können?

Meine Fotografien möchten eine Ahnung von der Komplexität der Welt und des Menschseins wiedergeben. In den Ebenen der von mir fotografierten Spiegelungen finden sich eine Vielzahl an Berührungen und damit immer wieder neue Assoziationen von Koexistenz.

Es gibt keinen vorgeschriebenen Weg und keine klar definierte Geschichte.

Franziska Stünkel, All the stories. © Franziska Stünkel
Franziska Stünkel, All the stories. © Franziska Stünkel

Man muss in meinen Fotografien seine eigenen Geschichten suchen und finden. Sie entstehen aus einem individuellen Dialog mit dem Bild, oft aus Gefühlen heraus. Der Betrachter kann sich auch direkt in Bezug zu der Fotografie setzen:

Ich zeige meine Fotografien bewusst hinter Glas, so addiert man sich als weitere koexistenzielle Ebene hinzu und hebt das Bild ins Hier und Jetzt.

Gefühle sind unsere universelle Sprache

Dein Werk, sowohl Deine Filme als auch die Photographien, beschäftigen sich mit gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Was sind Deiner Meinung nach die drei großen Fragen dieser neuen Dekade?

Es gibt große globale Herausforderungen. Drei große Fragen wären, wie wir die Ursachen von Hunger, der Kriege und der Klimakrise lösen können, aus denen ja viele Probleme erwachsen. Es geht letztlich um Koexistenz, ob wir als Menschen in der Lage sind in friedlicher Koexistenz weltumspannend zu denken und zu handeln.

Wir müssen globale Verantwortung übernehmen.

Nähe in der Fremde

Neben Deiner Tätigkeit als Regisseurin bereist Du seit mehr als 10 Jahren als Fotografin die Welt und hältst für Deine Serie “Coexist” Spiegelungen in Schaufenstern fest. Die sehr vielschichtigen Fotografien geben einen intimen Einblick in das Mit- und Nebeneinander dieser Welt. Gibt es einen Moment dieser Reisen, der Dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Am meisten sind es die Momente, wenn ich mit meiner Kamera in mir unbekannten Kulturkreisen und Ländern allein unterwegs bin, deren Sprache ich nicht spreche, aber an der Mimik und Gestik der Menschen deren Gefühle erspüren kann.

Das sind Momente in der Fremde, die mich Nähe fühlen lassen. Wir sind letztlich trotz all der Vielfalt, Menschen mit den gleichen Grundgefühlen. Das ist unsere universelle Sprache.

Franziska Stünkel, All the stories. © Franziska Stünkel
Franziska Stünkel, All the stories. © Franziska Stünkel

Die Intimität globaler Koexistenz

Dein Fotografie Projekt heißt „Coexist“. Koexistenz im weitesten Sinne bedeutet das Nebeneinander gegensätzlicher Prinzipien. Eine Ordnung dieser Prinzipien, eine friedliche Koexistenz, ist nur bei Vorhandensein von Toleranz möglich, ansonsten wird das Nebeneinander zum Kampf. Was bedeutet Koexistenz für Dich?

Friedliche Koexistenz hat eine große Schönheit, aber trägt auch immer wieder Herausforderungen in sich. Rassismus schmerzt mich sehr. Wir können uns nicht isoliert betrachten.

Wie kann mehr friedliche Koexistenz entstehen? Wir leben nach meiner Definition in bewusster und unbewusster Koexistenz. Viele Folgen unseres alltäglichen Handelns machen wir uns nicht bewusst.

Denn mit unserem Denken, Handeln und unseren Worten gestalten wir fortwährend Koexistenz – in unserem Nahumfeld und global, ökonomisch und ökologisch, aber vor allem im menschlichen Miteinander.

Sich immer mal wieder ein Stück des unbewussten Teils bewusst zu machen, ermöglicht mehr aktives Gestalten von friedlicher Koexistenz, denn es macht einen Unterschied, ob ich Fair Trade kaufe oder nicht und es macht einen Unterschied, wie offen ich wirklich mit Menschen aus anderen Kulturen umgehe.

In meinen Fotografien zeige ich symbolisch auch den unbewussten Teil, da sich auf einer Schaufensterscheibe immer auch das spiegelt, was hinter mir liegt – das, was ich nicht sehe, aber was doch da ist.

Sieht Koexistenz heute anders aus als noch vor 10 Jahren?

Generell ist Koexistenz ein Thema, das so alt ist wie die Existenz von Leben und sehr viele Bereiche betrifft. Koexistenz ist immer in Bewegung.

Vor zehn Jahren als ich mit der Fotoserie begonnen habe, ruhte das Thema tatsächlich gerade in einer fast romantischen Wahrnehmung.

Unter anderem durch Klima, Digitalisierung, Globalisierung und Flüchtlingsbewegungen hat sich die Wahrnehmung des Begriffs Koexistenz seit ein paar Jahren in andere Dimensionen bewegt. Durch das Fortschreiten der vernetzen Welt hat sich die Dynamik auch sehr verändert.

Franziska Stünkel, All the stories. © Franziska Stünkel
Franziska Stünkel, All the stories. © Franziska Stünkel

Für meinen Bildband „Coexist“ habe ich 17 Autoren aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Bereichen gebeten einen Text über das Thema Koexistenz zu schreiben, wie friedliche Koexistenz aus ihrer Sicht heraus ermöglicht werden kann.

Mit welchen dieser Elemente (Feuer, Erde, Wasser, Lust, Space) kannst Du Dich in Bezug auf deine Person oder deine Arbeit am besten identifizieren?

Ich bewege mich mit meiner Leica Kamera auf meinen Reisen jeden Tag kilometerweit zu Fuß durch Straßen. Da fühle ich sehr viel Boden, Erde. Doch ist Fotografie ja Malen mit dem Licht. Und Luft, Luft ist nicht sichtbar und doch da und existenziell notwendig.

Kunst kann für mein Gefühl das Unsichtbare sichtbar machen.

Das ist schön, wenn das beim Betrachten eines Bildes passiert. Wenn ich mich also für ein Element entscheiden muss, wäre es symbolisch die Luft.

Franziska Stünkel, All the stories. © Franziska Stünkel
Franziska Stünkel, All the stories. © Franziska Stünkel

An welchen Projekten arbeitest Du gerade und worauf können wir uns in 2020 freuen?

Zur Zeit sind meine Fotografien in Ausstellungen in Berlin, Hannover und in der Leica Galerie Wetzlar zu sehen. Mein Bildband „Coexist“ ist in diesem Jahr im Buchhandel erschienen. Im Frühjahr 2020 wird er in den USA veröffentlicht. Auf der Paris Photo New York präsentiert der Kehrer Verlag das Buch im April.

Außerdem arbeite ich als Regisseurin gerade an meinem nächsten Kinospielfilm „Nahschuss“, der in diesem Jahr in den Kinos starten wird.

About „Nahschuss“

Franziska Stünkel schrieb das Drehbuch und führte Regie bei dem Kinospielfilm in Anlehnung an den Fall der letzten Hinrichtung in der DDR. „Nahschuss“ ist inspiriert von der Lebensgeschichte des Dr. Werner Teske, der 1981 in der DDR zum Tode verurteilt und wenig später hingerichtet wurde. Lars Eidinger, Devid Striesow und Luise Heyer sind in den Hauptrollen zu sehen. Gedreht wurde im November und Dezember 2019 an historischen Orten wie dem ehemaligen Gelände des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR und der früheren Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen. Aktuell befindet sich der Kinospielfilm in der Postproduktion. „Nahschuss“ soll in diesem Jahr in den Kinos starten. 

AUSSTELLUNGEN 2020 | COEXIST | FRANZISKA STÜNKEL

Galerie Robert Drees Hannover 24.01. – 04.05.2020
Leica Galerie Wetzlar 05.02.- 26.04.2020 
Galerie Jarmuschek + Partner Berlin 28.02. – 14.03.2020

Author: Inga Nelli