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Filip Markiewicz | Celebration Factory, Ausstellungsansicht, Kunsthalle Osnabrück, 2019/20. Foto: Filip Markiewicz. Courtesy Filip Markiewicz / Kunsthalle Osnabrück
Filip Markiewicz | Celebration Factory, Ausstellungsansicht, Kunsthalle Osnabrück, 2019/20. Foto: Filip Markiewicz. Courtesy Filip Markiewicz / Kunsthalle Osnabrück

„Celebration Factory“ des luxemburgischen Künstlers Filip Markiewicz in der Kunsthalle Osnabrück ist die vierte Station eines sich weiter entwickelnden Ausstellungs- und Performance-Projektes, das 2016 im NN Contemporary Art Northampton begann, 2018 im Casino Luxembourg – Forum d’Art Contemporain und Anfang 2019 im CCA (Centre for Contemporary Art) Derry~Londonderry fortgesetzt wurde.

In einer ehemaligen Dominikanerkirche mit umgebautem Klosterkomplex angesiedelt, zählt die Kunsthalle Osnabrück mit Sicherheit zu den spektakulärsten in Deutschland und fungiert als ideale Bühne für Markiewicz, der sich in dieser bitterbösen Schau der gesamten Klaviatur aller Ausdrucksformen in der Bildenden Kunst bedient um die politischen und moralischen Krisen Europas und der Welt nicht nur abzubilden sondern zu zelebrieren.

Filip Markiewicz | Celebration Factory, Ausstellungsansicht, Kunsthalle Osnabrück, 2019/20. Foto: Filip Markiewicz. Courtesy Filip Markiewicz / Kunsthalle Osnabrück
Filip Markiewicz | Celebration Factory, Ausstellungsansicht, Kunsthalle Osnabrück, 2019/20. Foto: Filip Markiewicz. Courtesy Filip Markiewicz / Kunsthalle Osnabrück

Die Leere der aktuellen Diskurse wird durch die fragmentarisch über alle Räume der Kunsthalle verteilten Arbeiten in Form von Gemälden, Zeichnungen, Videoperformances, Installationen und Drucken nur noch verstärkt. „Celebration Factory“ in der Kunsthalle Osnabrück gleicht einer gigantischen „Der Morgen Danach“ Szenerie dessen Party Überbleibsel im Tageslicht grotesk, grell und fehl am Platz erscheinen, inklusive Katerstimmung. Party on?

Wir haben uns mit Filip Markiewicz, dem Kurator Enrico Lunghi und Christel Schulte , Kuratorin für Publikumsbeteiligung und Lernen an der Kunsthalle Osnabrück über „Celebration Factory“ unterhalten

Filip Markiewicz | Celebration Factory, Ausstellungsansicht, Kunsthalle Osnabrück, 2019/20. Foto Courtesy: Friso Gentsch Kunsthalle Osnabrück
Filip Markiewicz | Celebration Factory, Ausstellungsansicht, Kunsthalle Osnabrück, 2019/20. Foto Courtesy: Friso Gentsch / Kunsthalle Osnabrück

Filip Markiewicz

Lieber Filip, Celebration Factory ist die vierte Station eines Ausstellungs- und Performance Projektes, das knapp ausgedrückt von einer Zeichenserie zur Performance wurde?

Ja, es ist ein bisschen komplexer und ungeplanter entstanden. Das Projekt « Celebration Factory » wurde von der Kuratorin Catherine Hemelryk initiiert, die ich nach meiner Venedig Biennale Repräsentation « Paradiso Lussemburgo » 2015 im luxemburgischen Pavillon kennengelernt habe. Wir blieben lange in Kontakt, als dann das Brexit-Referendum kam, hat Catherine mich 2016 eingeladen, im NN Contemporary Art, in Northampton eine Soloausstellung zu produzieren. 2017 hatte mich der Kurator Holger Kube Ventura eingeladen, bei der Gruppenausstellung « Kapitalströmung » in der Kunsthalle Tübingen teilzunehmen, dort habe ich meine Euroschein Zeichnungen « We could be Euros, just for one day… » zum ersten Mal gezeigt.

Filip Markiewicz | Celebration Factory, Ausstellungsansicht, Kunsthalle Osnabrück, 2019/20. Foto: Filip Markiewicz. Courtesy Filip Markiewicz / Kunsthalle Osnabrück
Filip Markiewicz | Celebration Factory, Ausstellungsansicht, Kunsthalle Osnabrück, 2019/20. Foto: Filip Markiewicz. Courtesy Filip Markiewicz / Kunsthalle Osnabrück

In der gleichen Zeit wurde ich auch ganz unabhängig davon vom Theater Basel kontaktiert, die Dramaturgin Katrin Michaels entwickelte mit mir während einem Jahr das « Fake Fiction » Projekt, und meine Euroscheine wurden Teil des Bühnenbildes. Beide Projekte (Celebration Factory und Fake Fiction) sind dann irgendwie zusammengewachsen und als der Kurator Kevin Muhlen mich im Casino Luxembourg eingeladen hat, um eine neue Version von « Celebration Factory » zu präsentieren, da haben wir entschieden, dass wir beides zeigen werden, sowohl die Zeichnungsserie wie auch eine adaptierte Version von der Fake Fiction Performance.

Filip Markiewicz | Celebration Factory, Ausstellungsansicht, Kunsthalle Osnabrück, 2019/20. Foto: Filip Markiewicz. Courtesy Filip Markiewicz / Kunsthalle Osnabrück
Filip Markiewicz | Celebration Factory, Ausstellungsansicht, Kunsthalle Osnabrück, 2019/20. Foto: Filip Markiewicz. Courtesy Filip Markiewicz / Kunsthalle Osnabrück

Erzähle uns bitte kurz wie du überhaupt darauf gekommen bist, mit den Tagebuch von Oskar Schlemmer zu arbeiten in diesem Zusammenhang, gab es hier ein bestimmtes Moment, einen visuellen, intellektuellen Auslöser und wie fand die Textauswahl statt?

Es war alles ein sehr langer Prozess, und mit Katrin Michaels vom Theater Basel wussten wir nicht ganz genau, was sich entwickeln wird während eines Jahres. Wir haben aber alle Türen offengelassen. Es waren die Jahren 2015-2017, es war alles ganz kurz nach den Terroranschlägen in Paris und dem, was man als die europäische Flüchtlingskrise bezeichnet. [Anschlag auf Charlie Hebdo / 7. Januar 2015]

Filip Markiewicz | Celebration Factory, Ausstellungsansicht, Kunsthalle Osnabrück, 2019/20. Foto: Filip Markiewicz. Courtesy Filip Markiewicz / Kunsthalle Osnabrück
Filip Markiewicz | Celebration Factory, Ausstellungsansicht, Kunsthalle Osnabrück, 2019/20. Foto: Filip Markiewicz. Courtesy Filip Markiewicz / Kunsthalle Osnabrück

Ich hatte diese Themen im Text von Fake Fiction interpretiert und auch den Populismus, der sich dabei entwickelt hat, mit der Wahl des amerikanischen Präsidenten, der Polemik um Facebook… und ich brauchte Pausen und Luft.

Ich hatte C. Raman Schlemmer wenige Monate früher kennengelernt und wir haben regelmäßig miteinander korrespondiert, über seinen Großvater Oskar Schlemmer, das aktuelle Theater, die Performancekunst in der Welt, in der wir leben.

Oskar Schlemmer: Grosse Maske Riesenmarionette, 1927/2016
Courtesy Bühnen Archiv Oskar Schlemmer, Privatsammlung
 Christel Schulte, Kuratorin für Publikumsteilhabe und Lernen, Kunsthalle Osnabrück, 
Enrico Lunghi, Kurator, Stadtrat Wolfgang Beckermann, C. Raman Schlemmer, Patricia Mersinger, 
Leiterin des städtischen Fachbereichs Kultur, Filip Markiewicz, Künstler der Ausstellung
 Foto: Friso Gentsch/ Kunsthalle Osnabrück
Oskar Schlemmer: Grosse Maske Riesenmarionette, 1927/2016, Courtesy Bühnen Archiv Oskar Schlemmer, Privatsammlung // Christel Schulte, Kuratorin für Publikumsteilhabe und Lernen, Kunsthalle Osnabrück, Enrico Lunghi, Kurator, Stadtrat Wolfgang Beckermann, C. Raman Schlemmer, Patricia Mersinger, Leiterin des städtischen Fachbereichs Kultur, Filip Markiewicz, Künstler der Ausstellung // Foto: Friso Gentsch/ Kunsthalle Osnabrück

Irgendwann haben sich sehr viele Schnittstellen herauskristallisiert, und wir fanden, mit Katrin Michaels, dass die Tagebuchtexte ganz aktuell klingen. Ich entschied dann diese Oskar-Schlemmer-Texte als readymade in meinem Stück einzusetzen. Die Auswahl entstand auch sehr natürlich, die Texte von Oskar Schlemmer haben ganz verschiedene Formen, sie thematisieren zum Teil die Bauhaus Schule und ihre ästhetischen Fragen, aber die Texte sind auch sehr intim und sehr anrührend, weil man zwischen den Zeilen die Tragödie des Zweiten Weltkriegs lesen kann, und wie Oskar Schlemmer zu einem Entarteten Künstler bezeichnet wurde. Diese Themen fand ich sehr passend zu Fake Fiction.

Filip Markiewicz: Celebration Factory 1

Kann man die jetzige Form der Ausstellung in Osnabrück dann quasi oder sogar konsequenterweise als Text Geburt (Theater /Basel) bezeichnen?

Die letzte Station von « Celebration Factory » in der Kunsthalle Osnabrück, zeigt fast alles in einem ganz neuem Kontext. Die Kunsthalle ist eine sehr spezifische Kulisse, die sich natürlich durch ihre Architektur mit der Religion auseinandersetzt, aber auch sehr theatralisch ist. Ich fand es sehr spannend, den gesamten Stoff in einer ganz eigenen Form zu präsentieren.

Ich habe somit angefangen, mit Öl zu malen, was sehr neu für mich ist … eine neue Reise.

Ich spürte innerlich, dass es sehr passend für die Kunsthalle Osnabrück sein könnte. Dazu entstand auch die Performance mit Joran Yonis, in der Installation mit dem Klavier. Es entstand der Film « Tanz der Stille » über den ich sehr glücklich bin, weil er auch sehr spontan entstanden ist.

Kunst ist nicht sehr schwierig, wenn man in einem guten Kontext arbeiten kann, und ich hatte immer Glück in den letzten Jahren, mit Catherine Hemelryk, Kevin Muhlen, Katrin Michaels, Julia Draganović und jetzt mit Enrico Lunghi und Christel Schulte. Sie haben das alles ermöglicht.

Mir ist vor allem deine Beschreibung eines Balance Aktes von Dramatik und Spiel in Erinnerung geblieben: Kannst du eine Arbeit oder Installation aus der Ausstellung herausgreifen und uns an diesem Beispiel dieses Spannungsfeld für unsere Leser lebendig werden lassen?

Ich versuche, meine Arbeit bei allem als ein Balanceakt von Tragödie und Komödie zu sehen. Am Ende ist das alles ein Spiel für Erwachsene, mir ist es aber auch wichtig, dass jüngere Menschen und Kinder auch etwas mitbekommen.

Da ist wahrscheinlich Charlie Chaplin eine wichtige Referenz mit The Great Dictator, aber auch mit The Simpsons.

Filip Markiewicz | Celebration Factory, Ausstellungsansicht, Kunsthalle Osnabrück, 2019/20. Foto: Filip Markiewicz. Courtesy Filip Markiewicz / Kunsthalle Osnabrück
Filip Markiewicz | Celebration Factory, Ausstellungsansicht, Kunsthalle Osnabrück, 2019/20. Foto: Filip Markiewicz. Courtesy Filip Markiewicz / Kunsthalle Osnabrück

Es geht darum, auf verschiedenen Ebenen etwas zu erzählen, weil Kunst nicht nur oberflächliche Unterhaltung ist, was man jetzt mit der Maurizio Cattelan’s Banane nochmal klargesehen hat. Unterhaltung und Popkultur finde ich auch spannend, aber Unterhaltung sollte nicht nur mit Konsum verbunden sein.

Unterhaltung und Komödie ist auch eine Intellektuelle Ausdrucksform, die man nicht nur dem Markt überlassen sollte.

Filip Markiewicz | Celebration Factory, Ausstellungsansicht, Kunsthalle Osnabrück, 2019/20. Foto: Filip Markiewicz. Courtesy Filip Markiewicz / Kunsthalle Osnabrück
Filip Markiewicz | Celebration Factory, Ausstellungsansicht, Kunsthalle Osnabrück, 2019/20. Foto: Filip Markiewicz. Courtesy Filip Markiewicz / Kunsthalle Osnabrück

Last but not least, du hast von Zufällen gesprochen wie die Zusammenarbeit mit Raman Schlemmer entstand (Bauhaus Band/ Northampton/ Basel/ Tagebücher usw.) – glaubst du tatsächlich an Zufälle? Und was nimmst du aus dieser Zusammenarbeit für dich mit, aus persönlicher und künstlerischer Sicht, gibt es eine Essenz oder Energie die du benennen kannst?

Ja, ich glaube, es gibt viele Zufälle im Leben, aber die Arbeit des Künstlers ist es, diese Zufälle zu organisieren und damit zu komponieren, damit eine visuelle Symphonie entsteht. Dass ich mich in Northampton mit der Post-Punk Band Bauhaus und dem Lied « Bela Lugosi’s Dead » und gleichzeitig in Basel mit der Bauhaus Schule um Oskar Schlemmer auseinandergesetzt habe, ist ein Zufall.

Diese beiden Welten wieder zu konfrontieren ist Komposition.

Filip Markiewicz | Celebration Factory, Ausstellungsansicht, Kunsthalle Osnabrück, 2019/20. Foto: Filip Markiewicz. Courtesy Filip Markiewicz / Kunsthalle Osnabrück
Filip Markiewicz | Celebration Factory, Ausstellungsansicht, Kunsthalle Osnabrück, 2019/20. Foto: Filip Markiewicz. Courtesy Filip Markiewicz / Kunsthalle Osnabrück

Celebration Factory ist für mich eine experimentelle freie Zone, in der man alles ausprobieren kann, und ich bin sehr glücklich, dass ich alles machen konnte: Theater, Kunst, Konzerte, Performances, Filme, Konferenzen, Partys, Zeichnungen, Bierflaschen, Vinylschallplatten…

Filip Markiewicz | Celebration Factory, Ausstellungsansicht, Kunsthalle Osnabrück, 2019/20. Foto: Filip Markiewicz. Courtesy Filip Markiewicz / Kunsthalle Osnabrück
Filip Markiewicz | Celebration Factory, Ausstellungsansicht, Kunsthalle Osnabrück, 2019/20. Foto: Filip Markiewicz. Courtesy Filip Markiewicz / Kunsthalle Osnabrück

Ich glaube, dass wir gerade jetzt an einer Zeit an einem Punkt angekommen sind, wo man diese Grenzen zwischen den verschiedenen Ausdrucksformen wieder öffnen sollte. Es passieren viele interessante Dinge, neue Ausdrucksformen, und man sollte keine Angst haben, mit allem zu experimentieren, und vom Bauhaus kann man immer etwas lernen, sowohl von der Schule wie auch von der Post-Punk Band aus Northampton.

Enrico Lunghi

Filip Markiewicz: Celebration Factory 2

Enrico, du arbeitest nicht das erste Mal mit Filip. Wo habt ihr Euch kennengelernt und was ist für Dich das Besondere an seinem Arbeitsansatz. 

Ich habe Filip vor fünfzehn Jahren kennen gelernt, während einer seiner Raftside Performance:

ich war sofort von seiner spielerischen und doch so wirklichkeitsentlarvenden Präsenz begeistert, die mir ihn wie ein warholischer post-punk Hippie erscheinen ließ.

Seitdem beobachte ich seine Projekte aufmerksam und habe einige davon begleitet, habe aber nie direkt mit ihm zusammengearbeitet.

Hier in Osnabrück passiert dies zum ersten Mal. 

Ich empfand es als einen glücklichen Zufall, für die Kuratorin und ehemalige Direktorin Julia Draganović hier als Kurator einspringen zu dürfen, die 2019 ihr Engagement in Osnabrück beendete, um die Leitung der Villa Massimo in Italien zu übernehmen.

  

Die Kunsthalle Osnabrück ist als Ausstellungsraum für sich schon spektakulär aber als Station für dieses Ausstellungsprojekt geradezu prädestiniert, bitte erkläre unseren Lesern kurz warum, und auch welches Element, Moment oder Szenario für Dich besonders stark und/oder berührend ist.

Filip hat den Bühnencharakter seines Projekts schon im Casino Luxembourg hervorgehoben, aber die Kunsthalle Osnabrück liefert ihm die Möglichkeit, ein großartiges Kirchenschiff und den Innenhof eines Kreuzgangs zu bespielen, die einzigartig sind.

Filip Markiewicz | Celebration Factory, Enrico Lunghi und Filip Markiewicz im Pressegespräch, Kunsthalle Osnabrück, 2019/20. Courtesy Friso Gentsch / Kunsthalle Osnabrück
Filip Markiewicz | Celebration Factory, Enrico Lunghi und Filip Markiewicz im Pressegespräch, Kunsthalle Osnabrück, 2019/20. Foto Courtesy Friso Gentsch / Kunsthalle Osnabrück

Das war natürlich schwierig, aber er hat das souverän gemeistert : der lange, gelbe Catwalk, der direkt zum Joker Portrait als Altarbild in der gotischen Architektur führt, die an eine unfertige Kunstmesse erinnernde Aufstellung seiner Bilder, Zeichnungen und Videos, die hängende Riesenmaske von Oskar Schlemmer im Kreuzgang, dies alles ergibt eine Bilder- und zeichenreiche Metapher unserer problematischen Welt, in der praktisch alles zum Fake degradiert wird, sogar Politiker, die Kultur und das Leben selbst.

Filip Markiewicz | Celebration Factory, Ausstellungsansicht, Kunsthalle Osnabrück, 2019/20. Foto: Filip Markiewicz. Courtesy Filip Markiewicz / Kunsthalle Osnabrück
Filip Markiewicz | Celebration Factory, Ausstellungsansicht, Kunsthalle Osnabrück, 2019/20. Foto: Filip Markiewicz. Courtesy Filip Markiewicz / Kunsthalle Osnabrück

Und der Auto-Friedhof im Innenhof mit dem ablebenden Klavier gibt dem Ganzen noch einen poetischen, melancholischen, fast romantischen Ton, der in anderen Orten kaum vorkommen konnte.

Filip Markiewicz | Celebration Factory, Ausstellungsansicht, Kunsthalle Osnabrück, 2019/20. Foto: Filip Markiewicz. Courtesy Filip Markiewicz / Kunsthalle Osnabrück
Filip Markiewicz | Celebration Factory, Ausstellungsansicht, Kunsthalle Osnabrück, 2019/20. Foto: Filip Markiewicz. Courtesy Filip Markiewicz / Kunsthalle Osnabrück

Christel Schulte

Filip Markiewicz: Celebration Factory 3

Christel, die Ausstellung „Celebration Factory“ von Filip Markiewicz wurde bereits an drei unterschiedlichen Orten gezeigt, das Konzept ist immer auch eine Auseinandersetzung mit dem Ort.

Das Wichtige an diesem Ausstellungs- und Performance-Projektes von Filip Markiewicz ist die Vielzahl geglückter Kooperationen, die auf unterschiedlichen Ebenen entstanden sind: zwischen dem Künstler und dem Ort, der Stadt Osnabrück, der Kunsthalle als ehemaligem sakralen Ort, aber auch in der Ausstellungskonstruktion im Detail, die sehr exakt und auf den Punkt gebracht ist.

Wir hatten dazu das Glück, mit Joran*Yonis aka Pia Tabea Visse zusammenarbeiten zu dürfen. Auf diese Weise ist während der Eröffnung eine Live Performance entstanden, die das Publikum in Erinnerung behalten wird.

Wir konnten aber auch eine Videoperformance als bleibendes Dokument produzieren, die den vieldeutigen Titel

„Weil ein Gemälde atmet, wenn man es anschaut, aber es stirbt, wenn man es fotografiert“ trägt.

Die Performance reagiert auf die Ausstellung von Filip in eindrucksvoller Weise körperlich. Joran*Yonis kommt aus dem YUP-Umfeld und hat eine sehr besondere Spannung aufgebaut, die die Osnabrücker Lesart von „Celebration Factory“ entscheidend mitprägt und den Begriff „Celebration“ für Osnabrück übersetzt.

Filip Markiewicz: Celebration Factory 4

Was hat der (ehemals) sakrale Ort, die Kunsthalle Osnabrück, mit diesem Ausstellungs- und Performanceprojekt gemacht? Was ist der Joker für Dich?

Der „Joker“ verbindet sich mit dem Schriftzug „Impeach“ zu einer vieldeutigen Konnotation: Anhörung, Anklage, Amtsenthebung und aktuell:

Regelverstoß auf höchster Ebene.

Platziert an einem Ort, wo sonst der Altar steht, das Altarbild hängt, ist nun geradezu eine Gerichtssituation entstanden.

Dieses Woher-und-Wohin ist in der ehemaligen Kirche ja immer präsent, aber hier entsteht ein Schleusen- oder auch ein Schwellenraum.  

Der gelbe Catwalk, der auf das Joker-Szenario zuläuft – oder auch umgekehrt, dem Besucher die Möglichkeit gibt, ihm den Rücken zuzukehren, um sich stattdessen den anderen Masken der Ausstellung zuzuwenden – das allein ist schon sehr kraftvoll und setzt Emotionen frei.


In Verbindung mit dem Laufsteg, der dem Besucher eine 20-Zentimeter-Möglichkeit-zur-Erhebung erlaubt, wird nochmal eine weitere Bedeutungsebene eröffnet, die die Frage der Selbsterhebung in die nach Selbstermächtigung verwandelt.

Filip Markiewicz | Celebration Factory, Ausstellungsansicht, Kunsthalle Osnabrück, 2019/20. Foto: Filip Markiewicz. Courtesy Filip Markiewicz / Kunsthalle Osnabrück
Filip Markiewicz | Celebration Factory, Ausstellungsansicht, Kunsthalle Osnabrück, 2019/20. Foto: Filip Markiewicz. Courtesy Filip Markiewicz / Kunsthalle Osnabrück

Das Exponiert-Sein in diesem Moment verstärkt das alles noch mal.

Als Kuratorin für Publikumsbeteiligung und Lernen wecken solcherart Einblicke mein Interesse, andere daran teilhaben zu lassen – und eine lebendige und gleichzeitig vertiefende Auseinandersetzung mit der Kunst und der eigenen Identität zu fördern.

CELEBRATION FACTORY: FILIP MARKIEWICZ

29. November 2019 bis 2. Februar 2020

kuratiert von Enrico Lunghi

Kunsthalle Osnabrück | Hasemauer 1 | 49074 Osnabrück

Photo Credit: The artist und Friso Gentsch

Author: Esther Harrison