Maike Mia Höhne

Die Kuratorin der Berlinale Shorts Maike Mia Höhne:

Wir brauchen neue Vorbilder und eine Vielzahl von Geschichten, um eine zukunftsfähige Zukunft für uns alle zu schaffen.

Und natürlich hat sie recht, jetzt mehr denn je möchte man hinzufügen, laut! Für die hoch respektierte Höhne die seit 2007 bei den Berlinale Shorts den Hut aufhat, ist es die letzte Berlinale in dieser Position. Ab März 2019 übernimmt sie die Leitung des Internationalen Kurzfilmfestivals Hamburg. Sie hinterlässt wahrlich große Fußspuren, das Hamburger Kurzfilmfestival kann sich glücklich schätzen.

Film Still, “Blue Boy” – Sexarbeiter aus Berlin die den vorher aufgenommen eigenen Gesprächen bei der Arbeit zuhören. Beklemmend

Auch in diesem Jahr ist die Auswahl der gezeigten Kurzfilme aus aller Welt superb und kaum erfassbar. Die Vielzahl und Diskrepanz der Eindrücke, Gefühle, Geschichten die Tage aber oft auch noch wochenlang durch die Wahrnehmung schweben. Es ist ein bisschen wie mit dem Schreiben. Es ist immer leicht viel zu schreiben. Aber etwas in 10 bis 20 Minuten zu erzählen, zu komprimieren, zu editieren verstärkt die Wucht des Wortes, des Bildes. Alles unnötige wird abgeschliffen, zurück bleibt ein klarer Narrativ, eine Botschaft, ein Gefühl, ein Bild, das sich mühelos und messerscharf durch die Hirnrinde schiebt.

Film Still, “Splash”

Genauso geschehen wie beim den beiden Animationsfilmen „Splash“ (Shen JIE, People’s Republik of China, 2019) und „Entropia“ (Flóra Anna BUDA, Hungary 2018) die beide (mühelos) ohne Dialoge auskommen. Shen Jie gehört zu der wachsenden Independent Filmszene in China die langsam auch international Wellen schlägt. Sein zwei Protagonisten gleichen den Figuren David Hockney´s – wobei der männliche Schwimmer verstümmelt, ohne Arme ist, und einem wilden Tier gleich, die Frau neben sich beißt. Die glasklar gesetzten Geräusche wie der „Splash“ der Sprung in den Pool der gebissenen Frau und die unter der Wasseroberfläche verzerrten blauen Kacheln des Pool Bodens erzeugen ein hermetisches Unbehagen. Stark!

Film Still, “Entropia”

In Entropia verfolgen wir drei Frauen, die in verschiedenen Realitäten gleichzeitig zu leben scheinen, bis diese durch eine Fliege ausgelöst in sich zusammenbrechen. Die starken Farben, rot, lila, rosa, dunkelgrün die die ungarische Künstlerin Flora einsetzt verstärken die erotische Wirkung und Ausstrahlung der Frauen, die mich an die griechische Göttin der Jagd Artemis erinnern. Raubtiergleich mit messerscharfen Blick ziehen sie durch die futuristischen Wälder oder treiben gefährlich und gleichzeitig entspannt wie Krokodile durch die Seen. Der Kontrast zu einem der parallel Universen, ein endloser Gang durch den Supermarkt, voll klimatisiert, kauf mich, alles durchprozessiert, der Wunsch nach dem Ausbruch aus dem Kapitalismus zurück in eine wilde und fast psychedelische Wildnis und Ursprünglichkeit ist was ich für mich daraus mitnehme, give me Chaos & Feminism!

ALL ON A MARDI GRAS DAY, Film Still

Der amerikanische Film „All on a Mardi Gras Day“ steht für mich besonders für die Diversität der Berlinale Shorts. Es begleitet einen schwarzen Künstler, Demond Melancon der außerhalb New Orleans lebt – (New Orleans ist nicht mehr bezahlbar, durch die Gentrifizierung) – und dessen Leben sich eigentlich nur um diesen einen Tag dreht, den Mardi Gras Umzug. Nach dem Mardi Gras ist vor dem Mardi Gras. Auf dem Umzug gibt es bis heute eine schwarze Bewegung, die den amerikanischen Ureinwohner Tribut zollen indem sie sich mit prächtigsten, reich verzierten Kostümen in federgeschmückte Häuptlinge verwandeln. Als die Sklavenaufstände waren, haben viele der Indianer fliehende schwarze Sklaven versteckt wird sich erzählt. Darauf baut diese Tradition auf. Demond Melancon ist Big Chief und jedes Jahr muss sein Kostüm das vom letzten übertrumpfen. Er erzählt wie in das Perlensticken vom Heroin gebracht hat, sein Leben gerettet hat. Sein Motto: „Kill them with a needle and thread“ Er ist gleichzeitig eine Vaterfigur was für die vielen Heranwachsenden in einem Umfeld, in dem sie bis heute nur wenig Respekt erfahren besonders wichtig ist. Er wird zur Überlebensgroßen Figur die Halt gibt, und findet selbst seinen Halt in derselben.

A twinkle in the eye and you make the world what it´s really is. Love.

Big Chief, Demond Melancon.

Films at Berlinale Shorts 2019:

All on a Mardi Gras Day, Michal Pietrzyk, USA, 22’ (IP)
Al Mahatta, Eltayeb Mahdi, Sudan, 16’, 1989 (out of competition)
Blue Boy, Manuel Abramovich, Argentina, Germany, 19’ (WP)
Can’t You See Them? – Repeat., Clarissa Thieme, Germany, Bosnia and Herzegovina, 9’ (WP)
Crvene gumene čizme, Jasmila Žbanić, Bosnia and Herzegovina, 18’, 2000 (out of competition) 
Entropia, Flóra Anna Buda, Hungary, 10’ (WP)
Flexible Bodies, Louis Fried, Germany, 19’ (WP)
Héctor, Victoria Giesen Carvajal, Chile, 19’ (WP)
How to Breathe in Kern County, Chris Filippone, USA, 9’ (WP)
It has to be lived once and dreamed twice, Rainer Kohlberger, Germany, Austria, 28’ (WP)
Kingdom, Tan Wei Keong, Singapore, 5’ (IP)
Leyenda dorada, Chema García Ibarra, Ion de Sosa, Spain, 11’ (WP)
Lidérc úr, Luca Tóth, Hungary, France, 19’ (WP)
Mot Khu Dat Tot, Pham Ngoc Lan, Vietnam, 19’ (WP)
Në Mes, Samir Karahoda, Kosovo, 15’ (WP)
Omarska, Varun Sasindran, France, 19’ (WP)
Past Perfect, Jorge Jácome, Portugal, 23’ (WP)
Prendre feu, Michaël Soyez, France, 26’ (WP)
Rang Mahal, Prantik Basu, India, 27’ (IP)
Rise, Bárbara Wagner, Benjamin de Burca, Brazil, Canada, USA, 20’ (IP)
Shakti, Martín Rejtman, Argentina, Chile, 19’ (WP)
The Spirit Keepers of Makuta’ay, Yen-Chao Lin, Canada, 11’ (WP)
Splash, Shen Jie, China, 9’ (WP)
Suc de síndria, Irene Moray, Spain, 22’ (WP)
Umbra, Florian Fischer, Johannes Krell, Germany, 20’ (WP)
Welt an Bord, Eva Könnemann, Germany, 29’ (WP)

Programm unter: Berlinale

 

Esther Harrison