Eine Reise nach Japan lohnt sich für Freunde der Kunst und Kultur in diesem Jahr besonders, denn ab April 2019 findet auf den japanischen Setouchi Inseln in der Kagawa Präfektur die Setouchi Triennale statt. Die Inseln sind meiner Meinung nach eines der am besten gehüteten Geheimnisse Japans. Einst tot geglaubt, sind die im Seto-Binnenmeer gelegenen Inseln heute wohl einer der weltweit schönsten Orte um Kunst in perfekter Symbiose mit der Natur zu erleben. Der Vater der Idee ist Tetsuhiko Fukutake. Er beschloss in der 80er Jahren, der Region mithilfe zeitgenössischer Kunst neues Leben einzuhauchen.

Mit Erfolg!

SPECIAL Barfuß bei Monet - Setouchi Triennale auf Naoshima

Hiroshi Sugimoto Time Exposed , 1980-97, Benesse House Museum

Das Meer, es liegt ruhend vor uns. Das Blau eingetauscht gegen ein anonymes Schwarz und Weiß. Der Horizont scheint endlos. Es ist ein mysteriöser Ort, überall und nirgendwo. Hiroshi Sugimoto´s Meereslandschaften sind eine Meditation der Natur. Er selbst sagt, dass ihn jedes Mal, wenn er das Meer sieht, ein unglaubliches Gefühl der Geborgenheit überkommt, so als würde er das Haus seiner Ahnen betreten. Ich hebe den Blick, sehe das Meer vor mir. Es ist, als umarme mich der Wind und plötzlich verstehe ich; hier auf Naoshima sind Natur und Kunst eine selten so fühlbare Symbiose eingegangen. Sie leben miteinander und voneinander. Das Ergebnis ist ein Wohlgefühl für das Auge und für die Seele.

SPECIAL Barfuß bei Monet - Setouchi Triennale auf Naoshima

Lee Ufan Museum

Der Vater der Idee ist Tetsuhiko Fukutake. Er beschloss in den 80er Jahren, der Region mithilfe zeitgenössischer Kunst neues Leben einzuhauchen. Ziel des Revitalisierungsprojekts „Benesse Art Site Naoshima“ ist es, Kontakte zwischen Kunst und Natur, der Landschaft und den Bewohnern der Seto Inseln zu schaffen. Für die Umsetzung gewann Fukutake zusammen mit Tadao Ando, einem der bedeutendsten Architekten Japans, den renommierten Pritzker-Architekturpreis. Ando´s Architekturphilosophie basiert auf dem Konzept des „Heiku“: Einer Konzentration auf den leeren Raum, der in der Leere die Schönheit der Einfachheit repräsentiert. Ob unterirdische Museen, ein elektrisierendes Spiel mit natürlichem Licht oder Monet inspirierte Gärten, Kunst und Natur haben sich selten schöner gemeinsam präsentiert. Heute scheint es, als gab es die Kunst schon immer.

Sie ist Teil der DNA der Insel und ihrer Bewohner geworden.

SPECIAL Barfuß bei Monet - Setouchi Triennale auf Naoshima

Inga Nelli and her daughter, Lee Ufan Museum, 2015

SPECIAL Barfuß bei Monet - Setouchi Triennale auf Naoshima

Go’o Shrine, Naoshima Japan, Artist: Hiroshi Sugimoto

SPECIAL Barfuß bei Monet - Setouchi Triennale auf Naoshima

Raum im Untergrund, Go’o Shrine, Naoshima Japan, designed von Hiroshi Su

 

 

 

 

 

 

 

SPECIAL Barfuß bei Monet - Setouchi Triennale auf Naoshima

Bruce Nauman 100 Live and Die, 1984, Benesse House Museum

Die Tage auf Naoshima, der Hauptinsel, stehen ganz im Zeichen der Kunst. Am besten startet man den Tag mit einem ausgiebigen Frühstück im Restaurant Issen des Benesse House Museum. Mit Gerhard Richter im Rücken und Warhol im Blick kommt man bereits am Frühstück in die richtige Stimmung.  Das Museum öffnete im Jahr 1992. Die Sammlung umfasst Künstler wie David Hockney, Sam Francis, Hiroshi Sugimoto, Jean-Michel Basquiat, Cy Twombly und Alberto Giacometti. Auch im Benesse House Museum basiert alles auf Koexistenz von Natur, Kunst und Architektur. Weite Öffnungen holen die Landschaft und das Meer in das Museum. Einige der Installationen, wie Richard Longs „Inland Sea Driftwood Circle“ wurden eigens für das Museum geschaffen. Doch das schönste: Abseits des Triennale Trubels schreitet man beinahe allein durch die Räume und erlebt einige der wichtigsten zeitgenössischen Künstler ganz intim.

SPECIAL Barfuß bei Monet - Setouchi Triennale auf Naoshima

Benesse House Park

Das zweite sehr sehenswerte Museum der Insel ist das Lee Ufan Museum. Tadao Andos Museumsentwurf fügt sich in die Landschaft ein und wirkt wie ein Spiegelbild der Philosophie Lee Ufan´s. Die Natur tritt in einen anregenden Dialog mit der Architektur und der Kunst: leere Gänge, viel Grün, Stahl und Steine auf gesprungenen Glasplatten. Lee Ufan ist ein Minimalist. Er gilt als einer der Köpfe der japanischen Künstlergruppe Mono-Ha. Die Künstler der Gruppe untersuchten in den 1960 und 1970er Jahren die Beziehung zwischen der Natur und dem Industriellen, kritisierten mit ihrer Kunst die zunehmende Materialisierung unserer Welt und arbeiteten hierzu überwiegend mit Materialien wie Stein, Stahlplatten, Glass, Holz, Draht, Öl und Wasser. Häufig geht es in Lee Ufan´s Werken um den Ursprung des Seins, um die Beziehung zwischen Mensch und Natur.

Ufan sagte einmal, dass die „Begrenzung des Ego auf ein Minimum den Bezug zur Welt auf ein Maximum steigert.“

SPECIAL Barfuß bei Monet - Setouchi Triennale auf Naoshima

Inga Nelli and her daughter at Benesse House Museum, 2015

Das dritte Museum der Insel ist das Chichu Art Museum. Das Museum selbst wirkt wie eine Kunstinstallation, perfekt eingebunden in seine Umgebung. Das Wort „chichu“ bedeutet im Japanischen „tief im Untergrund“. Tadao Ando hat das Museum, das sich an einem der höchsten Punkte der Insel befindet, größtenteils unter die Erde verlegt, um die Unberührtheit der natürlichen Landschaft nicht zu beeinflussen. Trotz der unterirdischen Architektur steht das Spiel zwischen natürlichem Licht und der Kunst im Vordergrund.

SPECIAL Barfuß bei Monet - Setouchi Triennale auf Naoshima

Yoshihiro Suda Rose, 2006, Benesse House Park

Das schafft eine perfekte Ausgangsituation für die drei permanent ausgestellten Künstler James Turrell, Walter de Maria und Claude Monet. Die drei Künstler beschäftigen sich auf ganz eigene Weise mit Licht und dem Spektrum zwischen der Natur und Artifiziellem. Doch nicht nur das Museum überzeugt architektonisch und inhaltlich. Schon der Weg vom Busbahnhof zum Museum durch den Chichu Garten ist wie eine Wanderung durch ein Werk Monet´s. Die über 200 Pflanzen und Bäume entführen den Besucher in Monet´s eigenen Garten in Giverny. Der Garten ist die Ouvertüre für das überraschende und spezielle Erleben seiner Werke im Museum. Man betritt den Ausstellungsraum barfuß. Das Gefühl des kalten Steinbodens unter den Fußsohlen, die Einsamkeit im Raum und das vitalisierende Farbenspiel von Monets ikonischen Seerosen verzaubert. Das natürliche Licht im Museum und die naturbelassenen Materialien vereinen sich mit den fünf Seerosen aus Monets späterem Schaffen. Plötzlich versteht man Monet´s Liebe für das Licht und wird eins mit der Natur und der Schönheit. Danach führt der Weg zu James Turrell, dem Meister des Lichts. Der amerikanische Künstler ist im Museum mit drei Werken vertreten.

SPECIAL Barfuß bei Monet - Setouchi Triennale auf Naoshima

Richard Long Full Moon Stone Circle , 1997, Benesse House Museum

Das prominenteste unter ihnen ist Open Sky (2004), ein kühler Raum aus Marmor und Zement, geöffnet zum Himmel. Man hört den Wind, sieht die Wolken ziehen. Man schaut in den Himmel, verliert das Gefühl für Zeit und Raum und wird eins mit dem Moment. Das Raumerlebnis ändert sich mit jedem Wechsel des Lichteinfalls und jeder vorbeiziehenden Wolke. Kein Besuch gleicht dem anderen. Der Höhepunkt nähert sich am Abend. Nachdem das Museum offiziell schließt, hat eine kleine Gruppe von Besuchern die Möglichkeit, im Rahmen des „Open Sky Night Programms“ die Installation in ganz intimen Rahmen zu besuchen. Während die Sonne in der Seto See versinkt, beginnt im „Open Sky“ ein unvergessliches Lichtspiel, akzentuiert durch LED und Xenon Lampen. Es ist ein einstündiges Farbenspiel für die Augen und die Sinne, das den Betrachter in einen fast halluzinatorischen Bewusstseinszustand versetzt und ihn so schnell nicht mehr loslässt.

SPECIAL Barfuß bei Monet - Setouchi Triennale auf Naoshima

Cafe Konichiwa, Naoshima Town

Doch nicht nur die Museen sind sehenswert. Für das Art House Project haben Künstler wie Rei Neito oder Shinro Ohtake leerstehende Häuser in permanente Kunstinstallationen verwandelt. Während man von einem zum anderen Haus geht, taucht man in das Leben und die Geschichte der Bewohner ein und lässt gemeinsam mit Ihnen die Erinnerungen der Häuser weiterleben.

SPECIAL Barfuß bei Monet - Setouchi Triennale auf Naoshima

Yayoi Kusama, Pumpin, Port

Um nach Naoshima und auf die Nachbarinseln zu kommen, sollte man etwas Zeit einplanen oder gleich einen kleinen Roadtrip durch Japan planen. Bei meinem ersten Besuch der Inselgruppe vor drei Jahren sind wir per Shikansen und Regionalzug von Tokio über Okayama bis nach Uno gefahren. Es gibt aber auch die Möglichkeit nach Takamatsu zu fliegen. Von beiden Orten fährt die Fähre auf die Hauptinsel Naoshima und die Nachbarinseln. Geschlafen wird ganz authentisch bei den Bewohnern oder luxuriös im Benesse Art House Museum.

Alle Informationen zur Setouchi Triennale 2019 findet ihr hier.

Author: Inga Nelli

Photo Credit: the Author

Header Photo: Yayoi Kusama Pumpkin,1994, Benesse House Park