Stell Dir vor du bist auf einem Dreimaster Segelschiff mit einer Gruppe von Künstlern und Wissenschaftlern in der Arktis unterwegs. Kein Kontakt zur Außenwelt, klirrende Kälte, therefore voller Fokus auf dein Projekt, für das du hergekommen bist. Das ganze kombiniert mit völlig neuen und unerwarteten Alltags Herausforderungen und Realitäten. Because, well it´s the Arctis and you are on a ship sailing the North Atlantic!

Einen höchst unterhaltsamen und intensiven Einblick in dieses außergewöhnliche Setting im Rahmen der Aristst Residency „The Arctic Circle“, hat mir die Künstlerin Lena von Goedeke in diesem Interview gegeben!

Lena du warst „unauffindbar am Ende der Welt unterwegs“ als dir der DEW21 Kunstpreis 2018 verliehen worden ist.
Wo warst du und was hast du dort gemacht?

An diesem Donnerstag Abend war ich auf See, irgendwo südlich von Ny London, 79°57,6’ N 012°02,5’ E. Zusammen mit 35 anderen Menschen, KünstlerInnen, AutorInnen, JournalistInnen, MusikerInnen und einer sagenhaften Crew war ich bereits elf Tage an Bord der Barkentine – das ist ein speziell getakelter Dreimaster – Antigua, in der Arktis rund um Spitzbergen unterwegs; und es war auch der Abend, an dem mir auffiel, dass ich endlich nicht mehr seekrank war (sondern verkatert). An der Arctic Circle Residency teilnehmen zu können, war seit Jahren mein Traum: drei Wochen gemeinsam mit KünstlerInnen, SchriftstellerInnen und WissenschaftlerInnen aus aller Welt an Bord eines Segelschiffs soweit gen Norden zu segeln, wie möglich, und dabei konzentriert alleine oder zusammen an neuen Projekten arbeiten.

Während dieser elf Tage waren wir ungestört von der Aussenwelt ohne Signal oder Empfang an unbeschreiblich schönen und unfassbar beeindruckenden Orten gewesen; wir sind mit der Antigua durch das Eis gebrochen und nackt baden gewesen (ok, mit Mütze, einmal bis zur Brust rein, quietschen, fluchen, raus), uns war gemeinsam schlecht, wir hatten uns beim Weinen und beim Pinkeln gesehen, die Wale und die Walrosse, wir hatten kaum Privatsphäre und dafür das Nordlicht und die unglaublichen Gletscher der Arktis um uns, unser Schiff war tagelang so weit nördlich, dass wir auch vom Radar verschwanden. Mittwoch waren wir in Ny Ålesund gewesen, der nördlichsten Siedlung der Erde. Dort leben das ganze Jahr über etwa 40 Wissenschaftler aus aller Welt; die NASA, die ESA, das Alfred Wegener Institut, die Chinesen mit ihren Marmorlöwen vor dem Holzhaus, alle sind da, mit einer Internetverbindung von der man in Brandenburg nur träumen kann – wir hatten keines, um die empfindlichen Messungen dort nicht mit WLAN-Interferenzen zu stören. So war ich zwar nah dran, beschloss aber, lieber nicht an irgendeine Tür zu klopfen und zu fragen, ob ich meine Mails checken kann. Die Haus- und Autotüren in Ny Ålesund sind ohnehin nie abgeschlossen, damit man sich im Ernstfall Eisbär irgendwo rein flüchten kann.

Der Pub in Ny Ålesund (es gibt dort alles, was der Mensch braucht. Eine Mensa für alle, ein Museum und eine Kneipe.) macht nur samstags auf, und so war die kleine Bar auf unserem Schiff an diesem Abend bei allen sehr beliebt.
Am Donnerstag dann ging es zurück auf See, Richtung Süden, und während in Dortmund der Preis an irgendwen gehen mochte, saß ich mit allen Klamotten, die ich übereinander anziehen konnte,im Schnee an Deck und versuchte, an was anderes zu denken. Ein paar Stunden später war es mir dann auch herzlich egal, es wurde die stürmischste Nacht der Reise. Finger und andere Dinge gingen zu Bruch und ich war froh, dass ich mich nicht für die Nachtwache gemeldet hatte. Meine zwei Welten hätten nicht weiter voneinander entfernt sein können.

Als das DEW21* dich erreicht hat, wie können wir uns das vorstellen, war es eine „Internet Cafe am Ende der Welt Mail Check“ Situation, staubige Strasse und Hunde im Eingang und ein Ventilator im Rücken? ( *DEW21 Kunstpreis Der Hauptpreis ist mit insgesamt 10.000 Euro dotiert. Enthalten ist eine Einzelausstellung mit Katalog im Dortmunder U im folgenden Jahr. )

Das könnte man schon so sagen, das Internet Café war allerdings ein gerade vorbeifliegender Rest des Telefonnetzes in Longyearbyen, der Hund ein pensionierter Schlittenhund namens Nemo und der Ventilator die voll aufgedrehte Heizung im Schiffssalon, vor der man am Liebsten an Deck flüchten wollte. Ich war vier Tage nach der Preisverleihung morgens in meiner Skiunterwäsche und Mütze zum Frühstück im Salon gegangen, hatte keine Lust gehabt, bei diesem Seegang zu duschen (es ist kompliziert; festhalten, den hin und her schwingenden Wasserstrahl erwischen und einseifen, alles in Rekordzeit, Wasser sparen) und war dementsprechend müde und unkommunikativ.

Auf der Karte hatte ich gesehen, dass wir an diesem Morgen recht nah an Longyearbyen vorbei segeln, und daher Handyempfang haben könnten. Unter dem Tisch habe ich mein Glück versucht und konnte gerade eine einzige WhatsApp herunterladen – in der mir meine Galerie zum Preis gratuliert. Ich bin aufgesprungen, habe gejubelt, die gute Nachricht in die Runde verkündet und der Tag war gerettet. Dann habe ich eine Runde Sekt für den Abend geordert, mich in Parka, Gummistiefel und Schwimmweste geschmissen und bin mit auf das Zodiac, um Soundaufnahmen im Eis zu machen.
„I am so happy for you, an artist’s life is so very demanding“, sagte Julie, „wait – did you have phone signal and didn’t tell?“

Erzähl uns ein bisschen über die Arbeit die du eingereicht und wirst du es denn zur Finissage schaffen?

Zur Finissage bin ich auf jeden Fall in Dortmund. Ich habe die Nominiertenausstellung noch nicht sehen können und freue mich besonders auf die Präsentation meines ehemaligen Kommilitonen, Matthias Danberg.

Ich zeige eine Installation aus drei Einzelwerken, die auf Grundlage eines imaginierten Grundrisses einen eigenen Raum innerhalb der Gruppenausstellung öffnet. Die beiden großformatigen Scherenschnitte – wobei der Begriff irreführend ist, ich nutze ja keine Schere, sondern lediglich ein Skalpell – habe ich mit HIlfe eines Computerprogramms zur Erstellung virtueller Welten entworfen, wobei ich mich an Gebirgslandschaften oder anderen räumlichen Extremen orientiere, die ich bei meinen bisherigen Reisen durchwandert und dokumentiert habe. Das dabei entstehende Wireframe schneide ich aus – das Schneiden ist im Prozess der schnellste Teil. Meine Hand läuft dabei inzwischen fast auf Autopilot, während der Kopf die nächsten Projekte planen kann, es ist entspannender, als es aussieht! Eine der beiden Landschaften ist in Papier geschnitten, die andere in reflektierendem Gewebe, das je nach Blickwinkel zurückstrahlt und der Gitterstruktur immer neue Tiefe verleiht.

Dazu habe ich eine Variante der Zombies installiert, schwebende Wandskulpturen aus Zementsand, dessen Oberflächenstrukturen alleine durch den Zufall, die Beschaffenheit des Sandes und die Schwerkraft definiert werden. Eine weitere Überlegung zur Darstellbarkeit und Wahrnehmung von natürlichen und geologischen Strukturen, die über unsere Wahrnehmungsgrenzen hinausgehen und daran erinnern, dass unser Hirn mit Mustererkennung und dem Hand zur Wiederholung nicht dafür geschaffen ist, rein natürlich wirkende Strukturen zu schaffen. Um etwas über die Oberfläche unseres Planeten oder anderer Himmelskörper (welch ein Wort) zu wissen, müssen wir uns der Hochtechnologie bedienen, die scannt, vermisst und in Voxel und Polygone umrechnet, und um möglichst naturgetreu darzustellen, sind wir auf die Rechenleistung von Computern angewiesen. Was sagt uns das über unsere Wahrnehmung und die Möglichkeit, unsere Sinne durch Technologie zu verstärken, zu externalisieren?

Diese Frage ist schon alt, jeder Landschaftsmaler musste gegen seinen eigenen Rechner arbeiten. Die Schnitte also zur Überlegung der Darstellbarkeit und wie sehr die Ästhetik der digitalen Umrechnung schon zu unserem Repertoire gehört, die Zombies als jedesmal aufreibender Versuch, den Zufall und die Gravitation machen zu lassen, wozu ich nicht in der Lage bin. Das klingt alles sehr technophil, ist für mich aber auch eine hochemotionale Sache. Jedes Mal, wenn ich auf Reisen bin, jetzt auch in der Arktis, schlage ich mich damit herum, wie ich denn jemals diesen Planeten wirklich sehen kann, wenn ich immer nur die eine Perspektive habe? Und ich komme mit dem Gefühl zurück, dass uns und die Natur nur trennt, dass wir den Anspruch haben, die Dinge über unsere Fähigkeiten hinaus völlig zu verstehen. Wäre das nicht so, würden wir uns dann mehr als ein Teil des Ganzes identifizieren und unseren Planeten besser schützen? Daraus ergeben sich viele Fragen nach Identität, Menschlichkeit, Digitalisierung und Virtualität etc.

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Lena von Goedeke
*1983 Duisburg, lebt und arbeitet (was dasselbe ist) in Berlin